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Von: Christina Mohr

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Neneh Cherry. Foto: Inigo Vinas
Neneh Cherry. Foto: Inigo Vinas © Inigo Vinas

Coverversionen feiern Neneh Cherry als feministisches Vorbild.

Neneh Cherry gehört zweifelsohne zu den Künstlerinnen, deren Songs schwer zu covern sind: Superhits wie „Buffalo Stance“ oder „Manchild“ sind so untrennbar mit Cherrys prägnanten Vocals und zeittypischen Vibes verbunden, dass andere Interpreten und Interpretinnen dem nur schwerlich etwas hinzufügen oder gar entgegensetzen können. An ihre avantgardistischen Arbeiten mit der schwedischen Jazzband The Thing (Album „The Cherry Thing“) wird sich kaum jemand herantrauen, auch nicht an die eher sperrigen Tracks ihrer letzten beiden Alben „Blank Project“ und „Broken Politics“, mit denen sich die schwedisch-britische Künstlerin als über jeglichen Mainstreamverdacht erhabener, experimentierfreudiger Antipopstar neu erfand.

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Das Album:

Neneh Cherry: The Versions. EMI.

Trotzalledem ist gerade ein Album mit Coverversionen erschienen, dessen Line-up sich wie ein Who’s who wichtiger zeitgenössischer Musikerinnen und Sängerinnen liest: Die australische Songwriterin Sia ist dabei, Kelsey Lu, Robyn, Mapei, Anohni, Seinabo Sey, Jamila Woods, Sudan Archives, Honey Dijon, Greentea Peng und Cherrys älteste Tochter Tyson (nicht Mabel). Verständlicherweise konzentrieren sich die Interpretinnen auf Cherrys Hits aus den Achtzigern und Neunzigern, also von den Alben „Raw Like Sushi“, „Homegrown“ und „Man“. Und beinah erwartbar können die Cover die Originale nicht toppen. Aber man sollte in „The Versions“ weniger die ehrfürchtige Verneigung sehen, sondern die generationenübergreifende, feministische Feier einer Künstlerin, der es gelungen ist, ihre Karriere nach eigenen Regeln zu gestalten.

So transformiert die Londoner Reggaesängerin Greentea Peng „Buddy X“ in einen Two-Step-Track, Anohni eignet sich „Woman“ in typischer Anohni-Manier an: schwermütiger Gesang über minimalistischem Klavier, akzentuiert von sporadischen Störgeräuschen. Die schwedische Elektromusikerin Robyn geht dekonstruktivistisch vor, nimmt dem ikonischen „Buffalo Stance“ Tempo und Schärfe, stellt die Gesangs- und Melodieparts quasi nebeneinander. Superstar Sia unterzieht „Manchild“ einem nervösen Synthie-Update, während die kalifornische Cellistin Kelsey Lu den gleichen Track in ein geheimnisvoll waberndes, wummerndes, schlingerndes Kammerspiel verwandelt. Honey Dijons schweißtreibender House-Remix von „Buddy X“ gehört wie Cherrys Tochter Tysons softe Oldschool-HipHop-Version von „Sassy“ zu den Höhepunkten des Albums.

Am innovativsten und interessantesten klingt Sudan Archives’ Bearbeitung von „Hearts“ vom Solodebüt „Raw Like Sushi“: Sudan Archives reduziert den Rhythmus auf Handclaps, die sie mit traditionellen westafrikanischen Geigenklängen untermalt. In Kombination mit an- und abschwellendem Gesang und eingestreuten Rapeinlagen ergibt sich eine faszinierende Mischung aus Kinderlied und Blockparty-Atmosphäre.

Dagegen fällt Jamila Woods’ Interpretation von „Kootchi“ ab: ihr mädchenhaft-zarter Gesang erreicht den gegenteiligen Effekt von Cherrys selbstbewusster Sexyness, auch Seinabo Seys melancholisch-gefühlige R’n’B-Version von „Kisses On The Wind“ lässt den trotzigen Streetcharme seiner Urheberin stark vermissen. Doch selbst die schwächeren Momente von „The Versions“ funktionieren als Hommage: Man will dann sofort zu den Originalen greifen.

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