Oper „Oberon“

Stadttheater Gießen: Ein Elfenkönig mit Finessen

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Webers „Oberon“ in einer respektablen Live-Aufnahme aus Gießen.

Einer der prägenden Autoren des Sturm und Drang und der Romantik war, obgleich Vertreter des elisabethanischen Zeitalters der Briten, William Shakespeare beziehungsweise Schäkespear, wie Goethe ihn im Titel seiner Rede zum „Frankfurter Schäkespears Tag“ schrieb. Christoph Martin Wieland, ein Vierteljahrhundert später August Wilhelm Schlegel und Dorothea Tieck hatten mit ihren Übersetzungsarbeiten, Johann Gottfried Herder mit seinen Reflexionen über Shakespeare den Boden dafür bereitet, dass die märchenhaften Weltkonstrukte, die eigensinnig machtvolle Dramatik und die instabile Position des Individuums in Shakespeares Dramen zum Inbegriff der Romantik wurden.

Es lag also nahe, dass Carl Maria von Weber einen an Shakespeare („Der Sturm“ und „Ein Sommernachtstraum“) angelehnten Stoff wählte für seine 1826 in London uraufgeführte Oper „Oberon oder Des Elfenkönigs Eid“. Weber war an Tuberkulose erkrankt und wollte mit dieser Oper seiner Familie nach seinem Tode möglichst nachhaltige Einkünfte sichern. Er hatte sich darum auf das Libretto James Robinson Planchés und dessen Verbeugung vor dem Geschmack und den Gewohnheiten des Londoner Publikums eingelassen. Das ist durchaus einer der Gründe, warum der „Oberon“ heute, gerade im Vergleich zu Webers „Freischütz“, im Repertoire eine nur geringe Rolle spielt. Die Position eines Erzählers und mehrere Sprechrollen wirken dramatisch eher skurril.

An den musikalischen Qualitäten aber liegt es nicht, wie die Aufnahme der Oper Gießen unter der musikalischen Leitung von Michael Hofstetter eindrucksvoll zeigt. Hofstetter lässt das Philharmonische Orchester Gießen auf einem historisierenden Instrumentarium spielen, also mit Darmsaiten, Naturtrompeten, Naturhörnern, eng mensurierten Posaunen und natürlich Holz- statt Metallflöten.

Der Orchesterklang wird dadurch nicht einfach weich und wolkig, sondern bekommt ein reiches Potential an Klangfärbungen und eine enorme dynamische Spannweite. Die Wucht und Prägnanz in der orchestralen und sängerischen Gestaltung einiger Chorszenen – vor allem am Ende des ersten oder der Chor der Geister im zweiten Akt – führt zu Kulminations-Passagen, die mühelos dramatische Schlüsselpositionen behaupten, zumal in begleitend-lyrischen Passagen die Orchesterarbeit kontrastierend von großer Finesse und Transparenz geprägt ist. Zusammen mit den elastisch und wirkungsintensiv gehandhabten Tempi liefert die Arbeit des Orchesters hier den wichtigsten Legitimationsgrund für diese Aufnahme.

Was die Qualitäten des Gesangs anbelangt, muss man mit kleinen Abstrichen leben, was angesichts der enormen gesangstechnischen Schwierigkeiten verständlich und entschuldbar ist. Clemens Kerschbaumer hat zwischen subtiler Lyrik und strahlender tenoraler Behauptung alles, was ein Oberon braucht, aber Mirko Roschkowski als Hüön von Bordeaux hat mit seiner Partie etwas Mühe. Und während Maria Seidler eine souveräne Fatime singt, gerät Dorothea Maria Marx als ihre Herrin Rezia zuweilen an ihre Grenzen. Nachdrücklich und ausdruckssicher macht sich der Countertenor Dmitry Egorov als Puck.

Die klanglichen Qualitäten der Live-Aufnahme bilden einige akustische Eigenarten und Probleme der Aufführungssituation ab. Wer lieber lupenreines Studio hört, wird gelegentlich irritiert sein; aber das ist Geschmackssache.

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