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Eine Königin der Macht: Hege Gustava Tjønn.

„Zanaida“ in Mainz

Staatstheater Mainz: Lichte, leichte Atmosphären

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„Zanaida“, eine Oper des Bach-Sohnes Johann Christian, in Mainz nun erstmals auf Deutsch.

Schön von Angesicht ist sie nicht, Zanaida, die Tochter des türkischen Kaisers, die zwecks friedenssichernder Politik den persischen König heiraten soll. Der hat mehr als nur ein Auge auf Osira, die Tochter des türkischen Gesandten geworfen, die sich also Hoffnung auf den Thron machen darf und darin von der Mutter des persischen Herrschers zwecks eigener Machtsicherung unterstützt wird. Der türkische Gesandte selber agiert auf hohem ethischen Niveau und weitere, mit ihren eigenen Ambitionen beschäftigte Akteure komplizieren die Arithmetik der Interessen und Leidenschaften beachtlich. In deren Gemengelage ist Zanaida der ruhende und still leidende Pol. Die Ungeliebte verfügt nämlich über ein großes Maß innerer Schönheit, die zuletzt auch der persische Herrscher entdeckt, als Zanaida sich für das Leben des Königs einsetzt. Den Sieg trägt die Tugendschönheit davon.

Im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters hat man jetzt die Gelegenheit, das selten gespielte Werk „Zanaida“ des jüngsten Sohnes Johann Sebastian Bachs, Johann Christian, zu erleben. In einmaliger Form, denn zum ersten Mal erklingt das 1763 am King’s Theatre am Londoner Haymarket uraufgeführte, gut zweistündige Werk in deutscher Sprache. Dazu hat Doris Decker eine Neudichtung nach dem Libretto von Giovanni Bottarelli geschaffen. Ein gewöhnungsbedürftiges Unterfangen, denn die italienische Originalsprache hat eine andere „Hüllkurve“ respektive Flexion, auf die hin die Musik Bachs geschrieben ist. Zwar können die Übersetzungsübertitel jetzt wegfallen, aber man versteht trotzdem kaum etwas: das Verhältnis von Wort und Gesang ist bekanntlich ein weites Feld. Das Verstehen gelang bei dem einen oder anderen Sänger und Satz, zumal wenn mehrfach wiederholt wurde, wie etwa „Ein König ist einsam, das ist leider so...“

Regie führt Max Hopp, der sich bemüht hat, Gesten und Figuren zu schaffen, die Plausibilität ergeben. Das geschieht etwa bei der Designation der beiden Parteien mittels körpereigener Attribute: ein drittes Auge auf der Stirn haben die Türken, Steinbock- und Antilopengehörn die Perser. Exquisit ist die Garderobe (Madis Nurms), beachtlich ein Firmamentbogen, der, wie die gesamte Bühne in reizvollen Stimmungen (von René Zensen) leuchtet. Pastelltöne, lichte und leichte Atmosphären beherrschen den Abend; Poltereien eines „German trash“ fehlen gänzlich.

Auffällig ist die Umfunktionierung einer eher marginalen Rolle im türkischen Tross: eine Gewissens-Personalie, die zweimal vor heruntergelassenem Vorhang und in riesiger Vergrößerung auf selbigem Reflexionen über das Weltgetümmel und das Ende des Lebens als große Fahrt in anderen Sphären darstellt. Das sind zwei intensive „Generalpausen“, die David Bennent in Mimik und Stimmgebung beherrscht. Bestehend aus Stellen, die Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder „Über die Würde des Menschen“ Pico della Mirandolas entnommen sind. Zanaida, der schönen Seele, ist ein Chor (bestrickend der Mädchenchor am Dom und St. Quintin) zugeordnet: eine Schar dienstbarer Geister halb Novizinnen, halb Haremsdamen. Zur Musik des Londoner und Mailänder Bach, die eine Welt zwischen post-barocker Galanterie und früher Klassik darstellt, kommen Einschlüsse anderer Musik, wie einmal das Ave generosa Hildegards von Bingen.

Offensichtlich wird mit der Inszenierung an einer Welt des Möglichkeitssinns gearbeitet: das klassische Thema der Tugendschönheit als humanoides Projekt, in dem sich Hoffnung auf Selbstschöpfung einer neuen Natur des Menschen zeigt: neo-rousseaustische Esoterik eines arkadischen Schönheitssinns. Immerhin war J. Chr. Bach Logen-Bruder und führte Mozart in entsprechende Londoner Kreise ein.

In Mainz bestachen vor allem die weiblichen Stimmen, die einiges an belcantistischer Qualität aufbieten mussten. Die Ironie wollte es, das justament die wahre böse Frau, die Königsmutter als eine Art „Königin der Macht“ mit entsprechendem kühlen Furor in Statur und Stimme den besten Eindruck machte: Hege Gustava Tjønn. In der Schöne-Seele-Welt war die für die Verlockungen der weltlichen Sinnenfreuden empfängliche Tochter des türkischen Gesandten in Gestalt Dorin Rahardjas reich timbriert. Zanaida wurde von Alexandra Samouilidou mit passender Statuarik und scharfer Koloraturspitze gegeben. Die männlichen Rollen waren mit weniger Glanz bedacht, aber hatten stabile Natürlichkeit. Für den erkrankten, gleichwohl bühnenpräsenten Philipp Mathmann sang von der Seite der musikalische Assistent Paul-Johannes Kirschner beeindruckend. Das Philharmonische Staatsorchester spielte unter Leitung von Adam Benzwi weniger galant oder gar tändelnd als vielmehr getragen und mit einem Vorblick auf den klassischen Ton einer sprachmächtig werdenden Menschheitsmusik.

Staatstheater Mainz:9., 20. November, 2., 21., 27. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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