Alte Oper

Mit spürbarer Pietät versehen

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Das Mozart-Requiem in der Alten Oper.

Wenn zum Originalklang auch das Originalstück zu gehören hat, dann wäre beim Gastspiel von Orchestre des Champs-Élysées und Collegium Vocale Gent unter Leitung Philippe Herreweghes nach vier Minuten Schluss gewesen. Denn der todkranke Wolfgang Amadeus Mozart ist bei der Komposition des Requiems über den Introitus der Totenmesse nicht hinausgekommen. Von Kyrie, Dies-Irae-Sequenz und Offertorium liegen nur Generalbassbezeichnungen sowie die Chorstimmen vor. Von allem Folgenden gar nichts. Constanze Mozart hat den Mozart-Assistenten Franz Xaver Süßmayr gleich mit der Komplettierung des Torsos beauftragt, die bis heute dem historisch uninformierten Liebhaber des berühmten Werks als dessen definitive Form gilt.

Philippe Herreweghe, der Pionier der Originalklangbewegung der 70er Jahre, ist natürlich klug genug, genau in der Aufführung dieser originalklangproblematischen Werkform ihre historische Richtigkeit zu sehen. Eben als Süßmayrsches Imitat mit Originaleinschlüssen ist das Requiem Mozarts existent von Anfang an. Alle späteren Rekonstruktionen bis hin zu der jüngsten von Pierre-Henri Dutron, die Herreweghes Originalklang-Kollege René Jacobs jüngst eingespielt hat, können nichts anderes sein als Varianten und Versionen, die den einen oder anderen Geschmacksnerv des Hörers besser oder schlechter treffen mögen.

Herreweghe ließ jetzt, gemessen an historischer Normativität, erstaunlich großer Besetzung mit allein vier Kontrabässen spielen. Der Chor, phänomenal mit seinen 32 Stimmen den Großen Saal der Frankfurter Alten Oper in gute Resonanz bringend, war ausdifferenziert. Und hielt sich von einem sterbenszittrigen und dauerbrüchigen Duktus frei. Von großer Anmut war das „Pie Jesu“, wie überhaupt alle Momente einverseelter Klangführung mit einer beherrschten, aber doch spürbaren Pietät versehen waren.

Bei den Gesangssolisten hinterließen Maximilian Schmitt und Florian Boesch Eindrücke volumenstarker und schön gefärbter Intonation. Die weiblichen Stimmen (Emoke Baráth und Eva Zaïcik) fügten sich dazu sehr gut in den dichten Quartett-Partien.

Vor fast 30 Jahre hat Herreweghe sein Orchester gegründet. Heute gibt es viele Orte in Frankreich, wo die vorklassische Musik in Konzert und Oper auf interessante Weise blüht. Verglichen damit wirkte die Aufführung der Jupiter-Sinfonie zu Beginn des Abends fast wie Mainstream. Hätte ein historisch uninformiertes Orchester im 2. Satz so gespielt, man hätte von Geläufigkeit, Stimmenunterbelichtung und Pauschalklang gesprochen. Vielleicht muss man nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig informiert sein.

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