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Die Beatles 1966 in München.

Beatles "Revolver"

Sprung ins Ungewisse

Vor 50 Jahren erschien "Revolver" - Sieben Gründe, warum das siebte Beatles-Album das beste Album der Welt ist.

Von Christian Bos

1. Abracadabra“ soll das siebte Album der Beatles ursprünglich heißen. Ein passender Titel, enthält es doch 14 kurze Beschwörungen – nur zwei Songs überschreiten knapp die Drei-Minuten-Grenze –, die zusammen die Zauberformel des Pop ergeben. Die anderen Vorschläge sind schrecklich. John Lennon, zu jener Zeit im LSD-Langstreckenflug, versucht, „Four Sides of the Eternal Triangle“ durchzusetzen. Ringo Starr scherzt, wenn die Rolling Stones ihr neues Album „Aftermath“ nennen, können die Beatles doch „After Geography“ herausbringen. Schließlich einigen sich alle vier während ihrer letzten Deutschland-Tour in einem Hamburger Hotelzimmer auf „Revolver“ – in gleichem Maße auf das in 331/3 Umdrehungen pro Minute rotierende Trägermaterial ihrer Musik und auf deren Durchschlagskraft verweisend: perfekt.

2. Seinen Geist ausschalten, sich stromabwärts fließen lassen und der Leere übergeben? Da verlangt John Lennon doch einiges von den Teenagern, die er zweieinhalb Jahre zuvor noch mit der herzigen Aufforderung „Komm, gib mir deine Hand“ in Wallung versetzt hat. „Tomorrow Never Knows“ ist ein Sprung ins Ungewisse. Ein Strudel, der die sorglos-beschwingte erste Hälfte der 60er verschluckt und auf der anderen Seite der Galaxie ausspuckt. John Lennons durch einen rotierenden Leslie-Lautsprecher gefilterte Propheten-Stimme, George Harrisons Rückwärts-Gitarrensolo, die Tonbandschlaufen, die sich Paul McCartney von Karlheinz Stockhausens Experimenten im Kölner Studio für Elektronische Musik abgeschaut hat – und nicht zuletzt Ringo Starrs manisch donnerndes, zum kollektiven Wegtreten einladendes Schlagzeug: Hier geht es mit Warp-Antrieb in die Zukunft. Dabei ist „Tomorrow Never Knows“ der erste Song, den die Beatles für „Revolver“ aufgenommen haben.

3. Ende August des Jahres 1966 geben die Beatles ihr letztes Konzert (das Stelldichein auf dem Dach auf dem Apple-Hauptquartier mal ausgenommen). Da ist „Revolver“ zwar bereits erschienen, doch das Live-Programm repräsentiert die Vergangenheit der Band: Pop-Glück, Rock’n’Roll-Cover, Kreischen. Ihre Zukunft liegt im Studio, das sie mit „Revolver“ endgültig als ihr großes, gemeinsames Instrument entdecken. Kein Instrument auf „Revolver“ klingt, wie es von Natur aus klingen sollte. Jetzt geht es um die Manipulation des Sounds, Bänder laufen schneller, langsamer oder rückwärts ab, der Bass wird aus Lautsprechern abgenommen, das Schlagzeug in komprimierter Nahaufnahme.

4. Liebe? Doch, davon singen sie auch noch. Aber eben nicht mehr in Poesialbum-kompatibler Form. Sondern vom Glück des Moments („Here, There and Everywhere“), des konsequenzlosen Sex („Love You To“), oder von der Müdigkeit am Ende einer langen Beziehung („For No One“).

5. Und von so vielen anderen Dingen: Von Gottverlassenheit, Tod (beides: „Eleanor Rigby“) und Steuern („Taxman“), von den Freuden des Faulenzens („I’m Only Sleeping“) und des Haschrauchens („Got to Get You Into My Life“), von amphetaminspritzenden Promi-Ärzten, ziellosen Drogen-Konversationen („She Said She Said“), ja von der frustrierenden Unmöglichkeit, das zu versprachlichen, was man an süßen Geheimnissen im Rausch erfahren hat („I Want to Tell You“).

6. Vor „Revolver“ war John Lennon der kreative Motor der Beatles, nach „Revolver“ war es Paul McCartney, der die Band antrieb und zusammenhielt. Auf „Revolver“ – und nur hier – halten sich diese beiden grundverschiedenen, sich dabei perfekt ergänzenden Genies die Waage. George Harrison beginnt mit seiner langen kreativen Aufholjagd und Ringo darf mit „Yellow Submarine“ den ultimativen Ringo-Song singen. Nicht länger sind die Beatles austauschbare Pilzköpfe, sondern vier Individuen, die hier für einen magischen Moment zur gleichen Zeit den Gipfel ihrer Schaffenskraft erreichen.

7. Und was ist mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“? Soll das nicht das beste Album aller Zeiten sein? Das Missverständnis lässt sich folgendermaßen aufklären: „Sgt. Pepper’s“ funktioniert vor allem als Album, als technicolorfarbener Soundtrack zum Sommer der Liebe. Ausgerechnet die beiden besten, zur gleichen Zeit aufgenommenen Singles – „Strawberry Fields“ und „Penny Lane“ – fehlen auf „Sgt. Pepper’s“, eine krasse Fehlentscheidung der Plattenfirma. Das Album als Gesamtkunstwerk des Pop: Das konnte man zuvor eigentlich nur von Brian Wilsons Beach-Boys-Meisterwerk „Pet Sounds“ (1966) behaupten. „Revolver“ aber funktioniert als Album ebenso wie als Song-Kollektion. Es ist nicht eine große Vision, sondern durchmisst unendliche Weiten. „Revolver“ ist der Big Bang dieses neuen Pop-Universums, die blitzartige Ausdehnung einer kleinen Blase in einen Sonnen, Gasplaneten, Spiralnebel und Schwarze Löcher umfassenden Raum.

"Revolver", das siebte Studioalbum der Beatles ist am 5. August 1966 beim EMI-Unterlabel Parlophone erschienen. Auf der amerikanischen Ausgabe des Capitol-Labels fehlen drei von 14 Titeln. Sie waren bereits in der nur in den USA veröffentlichten Single-Zusammenstellung „Yesterday and Today“ enthalten. Während der Aufnahmen zu „Revolver" entstand auch die Single „Paperback Writer“ (B-Seite: „Rain“), der einzige neue Song, den die Beatles auf ihrer letzten Tour spielten.

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