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Alle Facetten ihrer Rolle parat, auch am Pult: Elza van den Heever. Hinten Simone Young.

„Ernani“ in Frankfurts Oper

Sportiv im Verdi-Raster

Einer Räuberpistole lauschen: „Ernani“ konzertant und straff dirigiert von Simone Young in Frankfurts Oper.

Von Bernhard Uske

Als eine Räuberpistole wird eine Geschichte bezeichnet, die so überkonstruiert ist, dass ihre Glaubwürdigkeit in Frage steht. So etwas stellt die Handlung von „Ernani“ dar, der fünften von Giuseppe Verdis Opern. Durch Verrat, Vertrag und Verzicht sind drei adelige Männer verbunden und zerstritten zugleich. Einer wird noch Kaiser, einer ist als Bandit verkappt, einer ist Onkel der von allen dreien begehrten Elvira. Die liebt aber nur den Banditen Ernani. Zuletzt sieht es sehr gut aus für die Hochzeit der Liebesleut’ – da ertönt ein Hornsignal, das dummerweise Ernani einst als Blanko-Todesurteil dem Elvira-Onkel als Gegenleistung für temporäre Freizügigkeit gegeben hatte. Als Ehrenmann nimmt es Ernani natürlich an, derweil Elvira gelobt, ihrem Geliebten zu folgen.

An der Frankfurter Oper hat man sich nicht lange mit diesem Stoff aufgehalten und den Orchestergraben hoch gefahren für die konzertante Darbietung des 1844 uraufgeführten Stücks. Das macht, wo jetzt das Geschehen in die Übertitel verbannt ist, natürlich alles nur noch schlimmer, aber eben auch leichter, denn man kann mangels Gelegenheit zu inszenatorischen Entzifferungsversuchen ganz auf Audition umschalten.

Und da prunkt diese vergleichsweise frühe Oper Verdis mit ergiebigen Massenszenen. Die Chöre, oft im Verein mit den Solisten, sind von durchschlagender, nahezu agitatorischer Qualität. Verdi, der musikalische Populist, versteht es prächtig, den Nagel auf den Kopf zu treffen und damit auf die Köpfe der Zuhörer. Vieles ist in den Arien, selbst bei weiter gehendem Gehalt (Text von Piave nach einem Drama Victor Hugos), noch von der tändelnden und rhythmisierten frühen Verdi-Art, die sich jedoch schon öfters, auch was die Orchesterbegleitung anbelangt, ins Subtilere bewegt.

Deftiger Klang des Orchesters

Man kann letzteres, wie einst Riccardo Muti in der Mailänder Ronconi-Inszenierung, klanglich gut herausarbeiten. Man kann das Extrovertierte und Populäre aber auch auf die Spitze treiben, wie es die ehemalige Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper, Simone Young, jetzt in Frankfurt tat. Ein Regiment des auf den Punkt genau durchexzerzierten Repetitismus, wo diesseits von Auf- und Abschwung, Versenkung und Überhöhung alles gleich straff blieb: ein Raster-Verdi – sportiv und zackig.

Deftig war der Klang des Opern- und Museumsorchesters, das wie eine Instrumental-Feuerwehr ständig in Alarmbereitschaft war. Stimmstark erschienen die vokalen Akteure. Der Opern-Chor setzte gewaltige Kräfte frei, während sich die nadelstichigen Verschwörer-Intonationen und die letzte, schneidende Verve im Chor des Unabhängigkeitsbekenntnisses nicht ergaben.

Dafür hatte die Elvira von Elza van den Heever alle Facetten ihrer Rolle parat – und die am meisten belcantohafte Stimmführung. Wenngleich die sopranistische Höhen-Turbine dann ganz andere Register zog. Sehr markant und gut timbriert waren die Stimmen von Franco Vassallo (Don Carlos) und Kihwan Sim (Silva). Animiert die Artikulation Alfred Kims als Ernani.

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