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Spielerische Verwirbelung

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Von: Stefan Michalzik

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Wu-Lu. Foto: Warp Records
Wu-Lu. © Warp Records

Wu-Lus raues und ein wenig zorniges Meisterwerk „Loggerhead“.

Von einer Punk-Haltung nach guter alter Londoner Art – „ohne gleich nach den Sex Pistols zu klingen“ – spricht Miles Romans-Hopcraft alias Wu-Lu selbst. Und nach den Sex Pistols klingt dieses erstaunliche Album tatsächlich nicht. „Loggerhead“ lautet der Titels des zweiten Langspielers des aus dem Süd-Londoner Stadtteil Brixton stammenden Afrobriten. Loggerhead, das ist der Dummkopf, aber auch die Karettschildkröte – damit meint Romans-Hopcraft sich selbst, vor dem Hintergrund von Abgeschiedenheit und Einsamkeit. Da geht es zwar durchaus auch um Innerlichkeit, aber, da sind wir wieder bei der Punk-Haltung, es bricht auch Zorn durch. Isolation, und die Frage, wie sich ihr etwas entgegensetzen lässt, da geht es vor allem auch um Politik. Dazu später mehr.

Es handelt sich um einen Zyklus von einem Dutzend mehr oder weniger düsteren musikalischen Texturen in faszinierender, sich Song um Song wandelnder Mischung aus Eklektizismus und Dekonstruktion, ein dunkles Meisterwerk. Nach der Eigenveröffentlichung seines Debüts „Ginga“ als Kasette 2015 ist Wu-Lu nicht umsonst nun bei Warp Records unter Vertrag, dem beinahe schon altehrwürdig zu nennenden Londoner Label längst nicht mehr allein für experimentelle elektronische Musik, das sich mit Entdeckungen wie Aphex Twin und Autechre in die Popgeschichte eingeschrieben hat.

Widersprechende Elemente

Die Produktionsästhetik ist eine raue. Schier unglaublich, in welcher Selbstverständlichkeit Wu-Lu immer wieder in einem einzigen Track sich widersprechende Elemente wie Rock und HipHop, Grime, Jungle, Dub, Psychedelia oder auch seine eigene Lo-Fi-Spielart von TripHop übereinbringt und daraus einen ganz eigenen Ansatz schöpft – der in seiner Ästhetik der spielerischen Verwirbelung durchaus eine gewisse geistige Verwandtschaft mit Aphex Twin erkennen lässt. Wobei die Mittel andere sind, die Grundlage ist bei Wu-Lu bei aller Affinität zum HipHop die Rockgitarre und nicht die Elektronik. Und einige Nummern knüpfen tatsächlich an den Punk an.

Das Album:

Wu-Lu: Loggerhead. Warp Records/Rough Trade.

Es ist ein musikalischer Haushalt, in dem Miles Romans-Hopcraft sozialisiert wurde. Der aus der Elfenbeinküste stammende Vater ist Sänger und Trompeter bei der Afroreggaeband Soothsayers; Miles’ Zwillingsbruder Ben ist umtriebig als Sänger und Gitarrist bei Bands wie Childhood, Warmduscher und Insecure Men. Neben seiner Musik hat Wu-Lu an Förderschulen und in Jugendzentren in Brixton gearbeitet.

Der Song „South“ dreht sich um den wutgebärenden Skandal der Gentrifizierung, die das Leben in London immer unbezahlbarer macht und damit eben auch Strukturen der Vernetzung gefährdet. Duettpartnerin ist hier die Rapperin Lex Amor, eine von mehreren Gastvokalistinnen auf dem Album; Romans-Hopcrafts Stimme bewegt sich weitreichend im Spoken-Word-Bereich. „Scrambled Tricks“ handelt davon, wie man von Leuten getäuscht und, sobald sie ihr wahres Gesicht zeigen, enttäuscht wird.

Das musikkuratorische Kollektiv Touching Bass, mit dem Wu-Lu assoziiert ist – Stichwort: der Isolierung etwas entgegensetzen – hat gerade das Compilation-Album „Touching Bass presents Soon Come“ veröffentlicht, eine Sammlung von zeitgenössischen souligen HipHop- und Dub-Tracks – neben der Punk-Haltung eine fundamentale Referenzquelle für Wu-Lus Musik.

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