Bonez MC und RAF Camora

Der Sound zum unaufhaltsamen Fallen

  • schließen

Laut sein und Palmen aus Plastik besingen: Bonez MC und RAF Camora in der Frankfurter Festhalle.

Bonez MC hat mit der 187 Straßenbande maßgeblich den Straßenrap Deutschlands in den letzten zwei, drei Jahren geprägt. Als Gzuz hier in Frankfurt war vor Monaten, in der Batschkapp, sagte er irgendwann, nachdem er die Kids dazu animiert hatte, vor der Bühne richtig auszurasten, „Gewalt ist geil“. Mit Sätzen wie jenen lässt sich noch halbwegs schockieren, es passt ins Bild, dass dieser ganze böse Rap eine Musik von Asozialen ist, die aus unseren Kids Asoziale machen.

Mit RAF Camora zusammen hat Bonez MC in den letzten zwei Jahren den Afro Trap so groß gemacht, dass mehr als Zehntausend in die Festhalle kommen. Sie sind um die zwanzig, angeblich ist es ausverkauft, aber es klaffen Lücken, es sind fast so viele Frauen wie Männer da. Leider wird der auf Platte sehr gut produzierte Sound in der Halle untergehen. Kein Bass, der durchgeht, und Bonez MC wird den halben Abend kaum zu hören sein. Es schaut auch nicht so aus, als würde er das sehr genießen.

Irgendwann kommen Gzuz und Maxwell und LX auf die Bühne, Bonez MC und RAF Camora gehen, sie spielen ein Set aus den rougheren Songs der 187 Straßenbande. Kein Dancehall, ganz viel Bass und Aggression und tatsächlich springt hier der Funke viel schneller über. Wie im großartigen „Optimal“, wo Gzuz über einem trockenen Beat und einem Klavier, das sich gar ein bisschen Sentimentalität traut, rappt: „Wer vergiftet unsere Jugend, / Ich hab nix damit zu tun.“

Wer jemals mit Kind im Frankfurter Westend auf dem Spielplatz war, der kann leicht sehen, dass die Werte, die große Teile des Rap in Videos, Statements, Texten hochhalten, gerade jene sind, die die gesellschaftlich Starken immer und immer wieder prägen: Laut sein, dominant sein, Raum einnehmen, finanzieller Reichtum ist anzuhäufen und zu zeigen und es gilt, zu allerallererst an sich zu denken.

Rap ist in einer Spielart wie hier, heute Abend, Turbokapitalismus. Für ihn gilt, was Thatcher mal sagte, zu ihrer Enthauptung der englischen Gewerkschaften: „There is no such thing as society.“ Keine Gesellschaft, das bedeutet auch: jeder für sich.

Da ist eine Ausweglosigkeit (die aber zur geringen Aufstiegsmobilität in Deutschland passt), die in Sätzen wie diesem von Bonez MC aufgehoben wird: „So viel Codein / Hat mich bis jetzt nicht umgebracht / Aber bleibe ich morgen früh liegen / Dann hab’ ich das Beste draus gemacht.“ Ein Sound zum langsamen, unaufhaltsamen Fallen.

Tatsächlich war der Sound, der sehr deutlich vom französischen Rapper MHD inspiriert ist, anfangs ein großer Lacher in der Community. Hier zeigt sich: Zu den synkopierten Beats tanzen jetzt auch die harten Jungs. „Von ihnen gelernt“ spannt mit viel Hall eine Gitarre wie U2 über den rollenden Bass, dazu rappt Bonez MC in seiner wie immer eher witzig klingenden Glucksigkeit: Ich lasse sie alle viel zu nah an mich ran.

In dem ganzen Konsum, in der neuen Hymne „HaifischNikez Allstars“, in dem, was ein anderer zeitgemäßer Rapper wie Rin mit seinem Trap macht, ist die Leere sehr greif- und hörbar. Es ist nie genug, es kann nicht genug sein. Freude ist, in einem Song wie „Palmen aus Plastik“, immer kurz, oft erkauft durch Rausch und Vernebelung. Morgen geht es weiter, wieder.

Die zwei Alben von RAF Camora und Bonez MC heißen „Palmen aus Plastik“. Viel deutlicher geht es nicht. Würden sie sich trauen, das wäre tausend Tränen tief.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion