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Sorry Gilberto „Psychoactive Ghosts“: Rückwärts durch den Sand

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Müssen nicht mehr sorry sagen: Sorry Gilberto. Foto: Alisa Resnik
Müssen nicht mehr sorry sagen: Sorry Gilberto. © Alisa Resnik

„Psychoactive Ghosts“, ein Sommeralbum von Sorry Gilberto. Von Jens Buchholz.

Sorry Gilberto ist ein Berliner Musikphänomen. Ein Duo, das in großen Wohnzimmern oder in kleinen Clubs auftritt. Zu groß darf es nicht werden, das würde sich falsch anfühlen. Anne von Keller und Jakob Dobers sind Bohemians, die für ihre Kunst leben, aber oft nicht von ihr leben können. Keller ist hauptberuflich Schauspielerin. Der Ex-Hamburger Jakob Dobers ist ein in viele verschiedene Projekte eingespannter Musiker. Zuletzt hat er die grandiose Soloplatte „Der Rest vom Licht“ veröffentlicht.

2008 brachten die beiden ihr erstes gemeinsames Album heraus. Darauf klangen sie noch wie eine Mischung aus den Young Marble Giants und den Moldy Peaches. Spontan hingeworfene Songskizzen mit Schrammelgitarre und den wunderbar kontrastierenden Stimmen der zwei. Der Bandname sei eine prophylaktische Entschuldigung an die brasilianische Gilberto-Bossanova-Dynastie gewesen, erzählt Jakob Dobers. „Wir haben damals Musik mit so einem Bossa-nova-Feel gemacht, ohne wirklich Ahnung davon zu haben.“ Am Anfang habe es sowohl englische als auch deutsche Songs gegeben. „Aber Anne wollte lieber englisch singen“, so Dobers, der auch die Texte schreibt. „Ich hatte Lust auf einen spielerischen Umgang mit Sprache, und mir gefiel, dass Englisch als Popsprache einen nicht sofort inhaltlich anspringt, die Zuhörer können erst mal einfach die Musik wahrnehmen und sich dann in die Texte hineinhören.“

Sympathisch handgemacht

Das Album:

Sorry Gilberto: Psychoactive Ghosts.

Solaris Empire/ Broken Silence.

Seither sind vierzehn Jahre und drei weitere Alben vergangen. Das Konzept „Schrammelgitarre“ gaben die beiden schon beim zweiten Album auf. Zaghaft kamen weitere Instrumente hinzu. Zur Gitarre gesellten sich billige Keyboards und Synthdrums. Sympathischer und handgemachter LoFi. Das 2016 erschienene „Twisted Animals“ elektrifizierte den Sound noch stärker mit Keyboards und E-Gitarren.

Mit „Psychoactive Ghosts“ macht das Duo nicht nur einen Schritt, es macht einen Sprung. Einen so geschlossenen Klang hatten Sorry Gilberto noch nie.

„Let’s go backward through the sand“, singen sie im ersten Song „I’m Not Sorry“. Und genau so fühlt sich dieses Lied an. Die Gitarre perlt wie der Sand zwischen den Zehen, die Keyboards wehen wie sanfter Wind. Und man begleitet die zwei, bis der Strand am Horizont verschwindet. „These Walls“ beginnt mit einem harten Schlagzeug und einem Bert-Kaempfert-Bass. Dann legen sich Glockenspiel und eine klare E-Gitarre über den Rhythmus. Vorsichtige Keyboards ergänzen, und von Keller singt glockenhell. Und im Refrain: Harmoniegesang! Ein Song über einen Menschen, der seine sichere Wohnung verlässt, um den Sturm zu fühlen.

„Bird (on my shoulder)“: Dobers hat einen Vogel auf der Schulter, der ihn aufmuntert, wenn er niedergeschlagen ist, während von Keller sich mit einem Hund befasst, der sich wie eine Katze benimmt. Das stolpernde „Neighbours“ beschreibt die Kieznachbarn, die sich ein Kissen auf das Fensterbrett legen, um andere zu beobachten. „Animals in the Night“ lässt Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ assoziieren. „Es sind keine eigentlichen Berlin-Songs, aber natürlich da, wo es um Gentrifizierung geht, wie in ,Neighbours‘ oder ,Easy Street‘, von meiner Erfahrung gesättigt“, sagt Dobers.

Dobers hat recht: Zuerst wirkt die Musik, und dann sickern nach und nach die Texte ins Bewusstsein. Das Album ist wunderschöne Sommermusik.

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