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Sophie Jamieson „Choosing“: Falsche Freunde und falsche Orte

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Von: Stefan Michalzik

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Sophie Jamieson. Foto: Tatjana Rueegsegger © Tatjana Rueegsegger

Sophie Jamiesons beeindruckendes Debüt-Album „Choosing“.

Dieses Album präsentiert sich wie ein Monodrama, ein innerer Monolog um ein Leben auf der Kippe in elf Songs. „Whisky/You staring at me/ Another afternoon on the beach with/ My head stuck in the sea“, heißt es im Text zu dem Song mit dem Titel ,,Sink“. Und weiter: „I just need you to rock me to sleep“. Die repetierte Refrainzeile lautet: ,,I don’t need you to sink me“. Von einer in den Bann ziehenden Intimität in Worten wie Vortrag ist die Art, in der sich die Londonerin Sophie Jamieson auf ,,Choosing“, ihrem nun erschienenen Debütalbum, mit ihrem noch jungen Leben künstlerisch auseinandersetzt.

Ganz karg sind die Songs instrumentiert, oft begleitet sich die Mittzwanzigerin selbst mit nicht mehr als ein paar sparsam gesetzten Akkorden auf der elektrifizierten oder akustischen Gitarre, auf Klavier oder Synthesizer. Die drei weiteren Musiker – an Bass, Schlagzeug und Cello – schweigen über weite Strecken, mitunter stimmt ein Chor ein. Es herrschen schleppende Rhythmen vor, mitunter erinnert das von an den TripHop der neunziger Jahre. Vor allem aber verweisen Melodik und Stimmführung auf den Folkpop der sechziger und siebziger Jahre, Marke Laurel Canyon. Mitnichten ästhetisch rückwärtsgewandt, da ist eine explizit zeitgenössischen Haltung vor. In ,,Addition“, der ersten Nummer, setzt die Stimme sehr tief an, tiefer als sonst im weiteren Fortgang.

Es ist eine Nacht des Trunks, mit der das Album anhebt, mit einer ebensolchen endet es (,,Long Play“). Der Alkohol ist zu einem steten Begleiter und Freund geworden, ,,Addition“ liest sich wie eine Liebeserklärung an ihn. Doch er stellt sich, wen wundert’s, als ein falscher Freund heraus, von dem es sich zu emanzipieren gilt. Musikalisch sind einige der Songs, wie ,,Crystal“ oder auch ,,Sink“, geprägt von einem eigenartigen Klangbild des Klaviers; matt gedämpft klingt es, offenkundig mit präparierten Saiten gespielt.

Gleißend der Synthieklang

Falsche Freunde und falsche Orte auf der Suche nach Wärme, nach einem Zuhause sind die zentralen Motive in den ersten sechs der elf Songs Jamiesons. Wobei es bereits im fünften, in ,,Fill“, heißt: ,,I’ll try to be tough with my love“. Es ist der Kampf um Selbstbehauptung, um den es geht. Tatsächlich ist ,,Empties“, Position sechs, die erste Nummer von musikalisch lichterem Charakter. Gar ist da ein Zug in eine schwelgerische Leichtigkeit. Die Stimmung hernach ist wieder eine gedämpftere. Immer wieder sind da kurze Ausbrüche, mit crescendierender Gitarre etwa, gleich Gewittern der kathartischen Reinigung. Gleißend der Synthieklang in ,,Violence“.

Das ist alles von irisierender Schönheit, mit sicherer Hand steuern Sophie Jamieson und ihre Koproduzentin Steph Marziano an der bei minderen Talenten flugs mal drohenden Kitsch-Grauseligkeit vorbei, hin zu einem wohlabgewogen pathosfernen Umgang mit Dramatik.

,,You’re a woman/ And you’re only on side A/ You still got the whole long play to twist“, singt Sophie Jamieson am Ende – eine Ahnung von Hintersichlassen und Aufbruch vermittelnd. Liest man das eins zu eins, hat sich einhergehend mit der musikalischen Reflektion in ihrem Leben eine Wende eingestellt. Was ihr zu wünschen wäre.

Und uns, schließlich ist es ein Meisterwerk, das der Britin da gelungen ist – es weckt erhebliche Hoffnungen.

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