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Stéphanie d’Oustrac.

Oper Frankfurt

Tod im Sommer

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Französin Stéphanie d’Oustrac singt Lieder in der Oper Frankfurt.

Interessant, wie gut in Deutschland die Wagnerische Wegdrängung des Werkes von Franz Liszt funktioniert hat, dessen Goethe- und Heine-Lieder präsent sind, aber in der zweiten, dritten Reihe. Da gehören sie nicht hin, wie die französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac beim Liederabend in der Oper Frankfurt eindrucksvoll dokumentieren konnte. Die Virtuosität, mit der Liszt im „König von Thule“ oder in „Über allen Gipfeln ist Ruh“ (mit „Parsifal“-Erlösungs-Akkorden) und erst recht in der „Loreley“ auf jede Textzeile reagiert, ist keine Effekthascherei, sondern ein Ausloten der dramatischen Düsternis.

Das Schweigen im Walde zeigt sich auch in der minimalistischen Klavierstimme, die von d’Oustracs langjährigem Begleiter Pascal Jourdan mit unfassbarer Zartheit vorgetragen wurde. Und fast spricht die Sängerin vor Entsetzen, wenn die Wellen Schiffer und Kahn verschlingen, und sie braucht einen Moment, bis sie mit Liszt zusammen wieder in den arglosen Wiegerhythmus findet. Das Wasser geht über das Unglück hinweg, wie nachher in Hector Berlioz’ „Tod der Ophelia“, in dem sich der Untergang der „Wahnumfangenen“ weniger von seiner sanften, sondern von seiner entsetzlichen Seite zeigt.

Dass d’Oustrac keinen Anlauf, keine Aufwärmphase benötigt, zeigt sie zuvor mit zwei Stücken Pauline Viardots, der berühmten Sängerin und weitgehend vergessenen Komponistin. Die „Scène d’Hermione“ (auf Racine) führt ebenso wie die dunkle „Évocation“ mit Opernwucht in den Abend ein. Während die Sängerin mit ein paar einführenden Worten in glanzvollem Deutsch die Beziehungen zwischen Viardot, Liszt und Berlioz umreißt, bleibt es dem Publikum überlassen, das allgegenwärtige Thema Tod zu bemerken. Es reicht als gespenstisch weißer Faden bis zu Berlioz’ Zyklus „Les nuits d’été“, und seine Darstellung – so muss das sein aus Sicht der Lebenden – verläuft höchst lebhaft.

In der Höhe und der Tiefe, im großen Aufblühen und der Zurücknahme in einen Hauch von Klang will der Sängerin – die auch beim Liederabend eine wunderbare, sympathische Darstellerin ist – nichts misslingen. Ungemein beweglich und doch ein gewichtiger Kahn im Klaviermeer ist ihr dunkel grundierter Mezzo, der Operngröße und Kunstliedfeinsinn perfekt vereint. D’Oustrac (mit nicht beengendem, sondern vermutlich befreiendem Notenpult) und Jourdan sind ein sehr gutes Team, auch darin, wie sie Weichheit und gleichzeitige Präzision auf die Spitze treiben.

Das Programm und dazu die in Frankfurt nicht vorgetragenen Wesendonk-Lieder finden sich auf d’Oustracs und Jourdans soeben erschienener CD „Sirènes“ (Harmonia mundi). Es ist immer still bei den Liederabenden im Opernhaus, diesmal war es beinahe unheimlich. Man konnte zuschauen, wie d’Oustrac die Ruhe vor dem nächsten Lied froh zur Kenntnis nahm.

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