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„Gefühlt ist man wieder 16 Jahre alt, wenn man einen bestimmten Song hört“, sagt Solomun.
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„Gefühlt ist man wieder 16 Jahre alt, wenn man einen bestimmten Song hört“, sagt Solomun.

Interview

Solomun: „Die Welt erreicht viele nur noch durch einen Filter“

  • Arne Löffel
    VonArne Löffel
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DJ und Produzent Solomun spricht über sein neues Album „Nobody is not loved“, die Momente, in denen die Kunst den Menschen liebt, und warum man sich nicht fürchten muss, solange die Musik spielt.

Diesmal hat es aber ganz schön lang in Ihnen gebrodelt, Herr Solomun.

Gebrodelt? Was hat gebrodelt?

Schon bei unserem ersten Interview vor fünf Jahren haben Sie gesagt, dass Sie gern ein neues, zweites Album produzieren möchten, dass da ein kreativer Druck in Ihnen brodelt.

Ach ja. Ich erinnere mich an die Headline. Damals hat es allerdings mehr gebrodelt als heute, ich habe von allen Seiten, von innen und außen, viel mehr Druck verspürt. Ich hatte damals das Gefühl, zu viel Routine zu haben, zu viele Bedürfnisse bedienen zu müssen. Das hat sich mittlerweile aber gelegt und ich habe über all die Jahre Ideen für das Album gesammelt. Mir bedeutet es als Künstler sehr viel, ein Thema zu haben und auch zu wissen, worum es auf meinem Album überhaupt gehen soll.

Ihnen war von Anfang an klar, was der rote Faden sein soll?

Ja. Glasklar. Am Anfang der Album-Produktion stand bei mir sogar der Titel, „Nobody Is Not Loved“. Das ist nicht von mir, sondern ist ein Graffiti, an dem ich vor einigen Jahren in London vorbeigefahren bin. In dem Satz „Nobody Is Not Loved“ steckt so viel von meinem Verständnis über Musik und meinem Idealbild des Zwischenmenschlichen, dass er mir nie wirklich aus dem Kopf gegangen ist.

Wofür steht dieser Satz im Kontext der Musik?

Für mich steht Musik auf einer Stufe mit dem Göttlichen und damit über allen kulturellen, geografischen und sozialen Grenzen. Musik ist die universelle Sprache, die keinen Unterschied macht, ob du jetzt klein oder groß oder schwarz oder weiß bist. Musik kann von niemandem besessen werden und darf von allen gleichermaßen gespürt und geliebt werden. Ich würde sogar so weit gehen, dass die Musik uns alle liebt. Und daher passt dieser Album-Titel ganz wunderbar. Ich selbst bin ein gläubiger Mensch und mir bedeutet diese Botschaft extrem viel. Das ist auch ein Momentum, das ich immer wieder erfahre, wenn ich in Clubs auflege und nur über die Musik Menschen erreiche, die von fast überall auf dem Globus zusammenkommen, um mit mir zu tanzen und zu feiern. Das sind sehr spirituelle Erfahrungen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Es geht um ein transzendentes Moment, das sich in allen Sparten der Kunst wiederfindet. Der Moment, in dem Sie ein Lied berührt oder wenn Sie vor einem Bild stehen, das etwas mit Ihnen macht. Da können Sie auch nicht rational erklären, was da gerade passiert. Aber es ist der Moment, in dem wir alle von der Musik oder der Kunst geliebt werden.

Wenn Sie den Titel schon seit einigen Jahren im Kopf hatten, warum hat es dann doch noch so lange gedauert, diese Vision in ein Album zu gießen?

Der Teufel – nein, in diesem Fall der Engel – steckt im Detail. Das Graffiti hat in mir eine Saat gesät, die wuchs und gedieh. Es kamen immer neue Fragmente und Aspekte hinzu, Begegnungen und Kollaborationen mit anderen Künstlern. Und natürlich kam auch der Alltag dazwischen, die Arbeit als DJ und ich habe ja auch noch ein Privatleben, das mich beansprucht. Das braucht dann eben seine Zeit.

Auf „Nobody Is Not Loved“ arbeiten Sie ja mit den unterschiedlichsten Künstlern und Künstlerinnen zusammen, die zum Teil auch Vocals beigesteuert haben. Wussten auch diese Kollaborationspartner, um was es in den Texten gehen soll, damit alles ein stimmiges Gesamtbild ergibt?

Sie meinen jetzt, ob ich Vorgaben gemacht habe, wie die Texte sein sollen, damit sie ins Bild passen?

Der Gedanke kam mir.

Nein, habe ich nicht. Auch hier darf ich mit Fug und Recht von göttlicher Fügung sprechen. Zuerst war natürlich die Musik und wir haben die Tonspuren dann den Vokalisten zur Verfügung gestellt. Es ging mir bei der Musik darum, mich zu entfalten, die ganze Bandbreite dessen abzubilden, was mich musikalisch beschäftigt. Daher ist das Album auch so vielschichtig geworden, hat von Dance über Post Punk und Spoken Word eine sehr weite Range. Hierbei den roten Faden zu finden und auch zu verfolgen, war nicht immer einfach. Aber am Ende des Tages bin ich mit dem Ergebnis selbst mehr als zufrieden.

Zu den Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf dem Album gehören so schillernde Personen und Stars wie Anne Clark und Jamie Foxx, deren Werke sich künstlerisch ja sehr stark voneinander unterscheiden. Eine Herausforderung?

Nein, gar nicht. Die Zusammenarbeit mit so – sagen wir mal – gegensätzlichen Künstlern ist ja Teil der musikalischen Range, in der sich das Album bewegt. Ich bin auch schon sehr lange Fan von Anne Clark, von der Verbindung ihrer einzigartigen Stimme und Poesie. Deshalb war es mir schon lange ein Herzenswunsch, einmal etwas mit ihr zusammen machen zu dürfen. Ich war so froh, als ich ein Instrumental fertig gemacht habe, auf der ich mir ihre Stimme vorstellen konnte. Sie hat daraufhin nicht nur unglaublich starke Lyrics für den Track geschrieben, sondern mir auch noch einen persönlichen, sehr berührenden Brief dazu geschickt. Es war mir wichtig, dass die Musik nicht nur aus Marketinggründen zu einem weiteren Titel im Repertoire von den kooperierenden Künstlerinnen und Künstlern wird, sondern dass die Musik an sich im Vordergrund steht. Das gilt für Anne Clark genauso wie für Jamie Foxx, den ich als Schauspieler aber auch als Sänger immer bewundert habe. Ich dachte natürlich, man würde nie zusammenfinden. Aber als es dann ein Instrumental gab, wo ich dachte, da könnte seine Stimme und seine Art zu singen sehr gut passen, war es irgendwie ganz einfach. Er hat den Track sofort gefühlt und wahnsinnig gut eingesungen. Er hat den Track sogar einmal live gesungen, als wir vor Corona in einem Restaurant in Los Angeles zusammen essen waren, vor allen andern Gästen, nur mit Hilfe einer Boom Box. Und in dem Augenblick wusste ich: Er fühlt den Track wirklich.

Aus meiner Sicht besonders bemerkenswert ist das Post-Punk-Stück „Kreatur der Nacht“ mit Isolation Berlin. Meiner Meinung nach war es eine großartige Idee, der eher lyrischen Form von Isolation Berlin technoide Elemente hinzuzufügen.

Der Track ist wirklich sehr intensiv. Eine sehr schöne Zusammenarbeit, die sich auch über vier bis sechs Monate hingezogen hat. Das Video dazu hat übrigens Fatih Akin gemacht, den ich aus meiner Jugend in Hamburg kenne. Den Track gab es auch schon vor Corona und ich habe ihn dann im Nordstern auf einer Party getestet. Was soll ich sagen… Wenn er sich mit dem Text „Ich hab’ keine Angst mehr“ immer weiter zum Höhepunkt schraubt, das hat keinen kalt gelassen. In solchen Momenten merke ich, dass mir das Touren während der Pandemie schon sehr fehlt. Ich habe immer meine größte Kraft aus diesen Momenten gezogen, weil ich da auch im direkten Kontakt mit den Menschen stand. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, das ist auch ein wichtiger Gedanke in meinem künstlerischen Schaffen.

Zur Person

Solomun, geboren 1975 als Mladen Solomun in Travnik, ist DJ und Produzent von House und Deep House. Sein Remix „Around“ wurde 2011 zum besten Remix des Jahres gewählt, 2012 wurde er auf Ibiza zum Best Producer gekürt und gewann den brasilianischen Cool Award. Seit 2018 ist Solomun als Figur in dem Spiel Grand Theft Auto Online als DJ zu sehen.


Gerade erschienen: „Nobody Is Not Loved“ bei BMG.

Das trifft auch auf die Kollaboration mit Isolation Berlin zu?

Klar. Da war so viel Freude im Prozess und „Kreatur der Nacht“ war ein echtes Gemeinschaftsprojekt, ist auch ein inhaltlicher Schlüsselmoment des Albums: die Rebellion.

Wo wir dann wieder beim roten Faden von „Nobody Is Not Loved“ sind: Wo läuft der gleich noch mal lang?

„Home“ handelt von der Sehnsucht. Vordergründig vielleicht von der Sehnsucht der Menschen nach Räumen, wo sie mit der Musik verschmelzen können. Aber da die Musik ja die unumstrittene Heldin meiner Geschichte ist, geht es eigentlich um die Sehnsucht der Musik nach den Menschen. Tracks wie „Kreatur der Nacht“ oder auch „Tuk Tuk“ handeln von der Kraft der Musik, die Menschen zu erreichen und zu beleben, zu stärken in einem Kampf gegen eine der schlimmsten Bedrohungen unserer Zeit: die digitale Isolation. Mich erinnert das immer an „Narziss und Echo“ in der Neuerzählung von Klaus Brink: Der schöne Jüngling Narziss weist alle Frauen ab und wird verflucht, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. So eine Liebe kann natürlich nie Erfüllung finden und so betrachtet er Tag für Tag sein eigenes Spiegelbild im Wasser und stirbt schließlich einsam und verzweifelt. Und ich finde nicht, dass es jetzt besonders schwierig ist, an dieser Stelle die Brücke zu Instagram & Co. zu schlagen. Tja, und die Nymphe Echo wurde ebenfalls verflucht und hat eine Art Sprachfehler. Sie kann immer nur die letzten Worte, die ihr gesagt wurden, wiederholen. Auch das ist ein gutes Bild für Social Media, die digitale Isolation.

Wie äußert sich diese „digitale Isolation“ in der Realität?

Ich beobachte seit Jahren, dass viele Menschen die Welt nur noch durch ihre eigenen Social-Media-Kanäle wahrnehmen. Sie erleben Musik nicht mehr mit mir im Club, sondern sind zwar körperlich anwesend, starren aber beim Filmen trotzdem die ganze Zeit auf ihr Smartphone. Dazu kommt noch, dass die Welt sie nur noch durch einen selbst geschaffenen Filter erreicht. Das ist dann die augenscheinlich selbst gewählte Isolation, wenn man immer nur das gleiche hört und ein Algorithmus dir irgendwann sagt, was du gerne hören möchtest. Dann stumpfen Sie ab, weil Sie nicht mehr inspiriert werden. Oder haben Sie das Gefühl beim „Mix der Woche“, dass Sie das komplett abbildet in all Ihren Facetten, in all Ihren Interessen? Sehen Sie, ich auch nicht. David Byrne nannte das mal einen „geistigen Unterbietungskampf“. Viele Menschen leben aufgrunddessen in ihren digitalen Echokammern, die sie selbst geschaffen haben. Dagegen wird in „Kreatur der Nacht“ rebelliert, für die Befreiung in „Tuk Tuk“ gekämpft. Und schließlich schließt sich mit „Night Travel“ in Kollaboration mit Tom Smith von den Editors der Kreis. Der Song hat eine sehr schöne Message: „I’m not your saviour, but I’m by your side“. Das ist die Rolle der Musik, in der wir alle verschmelzen. Sie kann immer zu uns durchdringen. Ich finde es auch total faszinierend, dass Musik ein Schlüssel zum Bewusstsein von Demenzkranken sein kann.

Das stimmt. Und wenn man einen Song aus seiner Jugend hört, dann laufen im Gehirn die gleichen Prozesse ab, wie wenn man einen alten Freund trifft.

Das ist ja auch ein sehr schöner Gedanke. Zudem gibt es ja auch die Situation, dass man zum Beispiel im Supermarkt einen Song hört, zu dem man zum ersten Mal verliebt war – und sofort ist man gefühlt wieder 16 Jahre alt und genau in dieser Situation.

Welcher Song war das denn bei Ihnen?

Der Song, zu dem ich zum ersten Mal verliebt war… Das kann ich gar nicht sagen. Aber eine meiner ersten musikalischen Erinnerungen ist „Suspicious Minds“ von Elvis Presley. Das habe ich in der Plattensammlung meiner Tante gefunden. Die war eigentlich gar nicht mal wirklich ein musikalischer Mensch. Aber es ist ihre Plattensammlung, an die ich mich erinnere. Ich musste unlängst an den Song denken. Und der war ja auch schon alt, als ich jung war. Meine Ex-Freundin war zwar jünger als ich, hatte aber auch diese Kindheitserinnerung an „Suspicious Minds“. Das fand ich schon bemerkenswert. Es gibt eben Songs, die überdauern ein Leben lang im Gedächtnis und wenn ich dann Demenzkranke sehe, das tut mir in der Seele weh. Mein Onkel hatte auch Demenz und hätte ich das damals gewusst, welche Musik er mag, dann hätte ich ihn mit Musik aus seiner Kindheit und Jugend zugeknallt.

Trotz Ihrer Kritik an der digitalen Isolation und der daraus resultierenden digitalen Demenz gehört doch Social Media auch zu den Standard-Werkzeugen eines DJs.

Natürlich weiß ich, dass ich als DJ auch die sozialen Medien brauche, um mich zu vermarkten. Aber das, was die Menschen auf meinen Social-Media-Kanälen sehen, das ist das Produkt Solomun. Ich äußere mich da so gut wie nie privat. Ich finde, die Menschen verkümmern auf Social Media und es fehlt der respektvolle Umgang miteinander. Viele vergessen, dass auch hinter einem Produkt wie mir ein Mensch steckt. Das ist einer der Gründe, warum ich keine Lust auf die Selbstdarstellung in sozialen Medien habe. Klar geben Selfies mehr Klicks und Likes, aber das ist mir egal. Ich arbeite gern an Musik und Videos und wie Sie wissen, gebe ich ja nur ganz wenige Interviews. Für mich gibt es eben den Künstler und das Werk auf der einen Seite und das Produkt auf der anderen Seite. Ich möchte Künstler und Werk nicht einem so vergifteten Umfeld wie Social Media aussetzen, mein Privatleben bleibt sowieso mein Privatleben.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, hat gute und schlechte Erfahrungen mit Social Media gemacht. Die Kritik am Produkt belastet mich auch nicht so sehr und sie belastet mich auch immer weniger. Es ist eben auch leicht, etwas zu kritisieren, wenn man den anderen nicht sieht. Ich härte da ab und nehme mir das alles nicht mehr so zu Herzen wie früher.

Kann man diese gesellschaftliche Entwicklung denn noch aufhalten?

Nein, es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht aufhalten, aber man kann sich dagegen immunisieren. Davon rede ich ja die ganze Zeit: Musik ist wie eine Impfung. Also was kann man tun? Hören Sie viel Musik, gehen Sie viel aus, lassen Sie sich treiben und nicht von Ihrem Handy steuern. Dann haben Sie viel dafür getan, nicht eines Tages zu vereinsamen und sich als Mensch nicht zu verlieren. Ich habe durch meinen Glauben etwas Wichtiges gelernt, nämlich: Fürchtet Euch nicht. Und um das zu verstehen, muss man nicht mal gläubig sein. Denn was macht jeder Mensch, der allein durch einen dunklen Wald läuft und sich fürchtet? Er fängt an zu pfeifen oder zu singen und fühlt sich dadurch weniger allein, hat weniger Angst, der dunkle Wald wird plötzlich hell. Schlussendlich ist das die Essenz all meiner Gedanken: So lange die Musik spielt, muss man sich nicht fürchten.

Und Sie, fürchten Sie sich nicht?

Im Gegenteil. Ich fürchte mich am allermeisten. Oder was glauben Sie, warum ich DJ geworden bin?

Interview: Arne Löffel

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