Musik

Ich sinke, ich sinke!

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Finale beim Musikfest "Fremd bin ich ..." in der Alten Oper Frankfurt.

Die Festivalprosa des Frankfurter Musikfests hat Franz Schuberts „Winterreise“ zum Paradigma aller Arten von Fremdheit, Verlust, Zukunftsungewissheit, Ausgrenzung, Flucht und Exil in unser aller Leben gemacht. Das lässt natürlich auch Programme zu, in denen Schubert gar nicht vorkommt, wie das des HR-Sinfoniekonzerts, in dem Christoph Eschenbach dirigierte und sich zwei mittlerweile erfolgreiche Eleven der Kronberg Academy präsentierten. 

Bruno Philippe und William Hagen, ein Franzose und ein Amerikaner, sind Mittzwangiger, die mit dem Cello-Konzert in C-Dur von Joseph Haydn und dem Violinkonzert Erich Wolfgang Korngolds auftraten. Philippe bot bei Haydn extrem leicht und genau gesetzte Tonfolgen, wobei der schlanke manchmal in einen schmächtigen Klang überging, was möglicherweise an ungünstiger Abstimmung zwischen dem schön beweglichen HR-Sinfonieorchester und der Solo-Stimme lag. Auch Hagen war in seiner Rolle nicht markant genug in Relation zu den Tutti-Emissionen. Beide Solisten wurden durch Tempovorgaben Eschenbachs besonders in den Finalsätzen mächtig gefordert. 

Die akkordisch gebrochenen Sequenzen bei Haydn und die Fingersatz-Tänze, die Korngold dem Spieler seines 1947 uraufgeführten Konzerts aus Motiven seiner US-Filmmusiken zumutete, wurden unproblematisch verwirklicht. Noch ausformulierbarer bei beiden Streichern ist Plastizität und Gestenreichtum ihrer Artikulation.

Korngold, der nach dem „Anschluss“ Österreichs in den USA blieb, wo er 1934 seine Karriere als Oscar-Preisträger bei Warner Brothers begonnen hatte, sollte der eine Bezug zum einsamen Wanderer Schuberts sein. Arnold Schönberg, der 1933 in die USA emigrierte und in Los Angeles eine Professur für Komposition bekleidete, der andere. Zu hören gab es seine Orchesterfassung des g-Moll-Klavierquartetts von Johannes Brahms, das in mal eng, mal leger geschnittenem Orchesterkostüm mit markanten, schweren, aber auch schreienden Farben erschien. Zu behaupten, dass die Transparenz des Originals dadurch größer und die Qualitäten der Figur fasslicher geworden wären, wäre übertrieben. Aber die Wandlung des Kammermusikwerks zu einer Art fünften Brahms-Sinfonie war bestechend. Zumal Eschenbach in Tempo- und Detailverschärfung – die HR-Sinfoniker stellten Rasanz-Rekorde ein – auch noch zeigte, dass Schönberg ein Rausschmeißer gelungen ist, wie ihn sich der ewig unzufriedene Brahms nie zugetraut hätte.

Am Ende des „Winterreise“-Musikfests der Alten Oper erklang tags drauf im Mozart-Saal-Konzert des Ensemble Modern noch einmal ein Lied von Franz Schubert, das zwei Jahre vor dem Liedzyklus entstand: „Totengräbers Heimweh“. Der Totengräber, der alle hat hinabsinken sehen, reflektiert über sein eigenes Unter-die-Erde-Kommen. Eine „Heimat des Friedens, der Seligen Land“ tut sich da auf: „ich sinke, ich sinke!/ Ihr Lieben, ich komm!“ Musikalisch ging das ziemlich daneben, denn die für die kurzfristig ausgefallene Anna Palimina eingesprungene Melody Louledijan hatte bei den Höhensteigerungen keine echte Intonationsorientierung. 

Entschieden sicherer war sie bei Gérard Griseys „Quatre chants pour franchir le seuil“ (1996-98). Einem Werk des im selben Jahr verstorbenen spektralistischen Komponisten, das um Jenseitserfahrungen und Weltverlust kreist. Ein schillernd-amorphes Klanggeschehen mit teils martialischen Schlagzeug-Attacken und entsprechend exponierter Vokalität. 

Von Marc André stammte „Riss 3“ (2014-16). Eine in Töne versetzte theologische Reflexion über Verborgenheit und Offenbarung, um Lücke und Durchsicht. Hörbar war ein eher statisches, schattenhaftes Klanggeschehen, dessen Sinnhaftigkeit in Bezug auf die gedankliche Hinterwelt sich selbst bei stärkstem Glauben an den Programmheftkommentar nicht erschloss. Evident dagegen waren die Leistungen des Ensemble Modern unter dem famosen Dirigenten Michael Wendeberg.

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