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Wolfgang Niedecken sitzt Ende der 70er Jahre auf dem Hochbett einer Wohngemeinschaft.

40 Jahre BAP

Als das Singen noch geholfen hat

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Wolfgang Niedeckens BAP und die Wiederaneignung des deutschen Liedguts – vor vierzig Jahren sammelte der Kölner Sänger und Songschreiber das erste Mal Musiker um sich.

Wer sich nicht schämt, in ungesicherten Momenten den Anwandlungen eigener Rührung zu erliegen, der wird im deutschen Unterhaltungsfernsehen ganz gut bedient. In immer wieder neu zusammengestellten Chartshows wird man mit dem Musikgeschmack samt modischen Trends und Verirrungen vergangener Jahrzehnte konfrontiert, und das weite Feld der Wiederholungen gestattet es, sich an den Regressionen des bestens Bekannten zu erfreuen.

Beides zusammen macht gewiss auch den Erfolg aus, den der deutsche Soulsänger Xavier Naidoo mit seiner Musikshow „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ für den Sender Vox erzielt hat. Bereits zum dritten Mal hat Naidoo deutschsprachige Musiker nach Südafrika eingeladen, um sich von ihnen die jeweils besten Songs der anderen vorsingen zu lassen.

Das Neue, das daraus entsteht, erzeugt Reibungen und Aha-Effekte, von denen nicht zuletzt die Musiker selbst überrascht zu werden scheinen. Nena trifft den Hamburger Rapper und Soundfrickler Samy Deluxe, und die Berliner Country-Rocker Boss Hoss erfreuen sich an den Chansonadaptionen von Annett Louisan, und alle zusammen erkennen in Wolfgang Niedecken von BAP eine Art Urahn ihres musikalischen Tuns.

Die beachtliche Anteilnahme des Publikums vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die bei „Sing meinen Song“ versammelten Musiker, die einige Karriereetappen bereits hinter sich haben, noch immer dabei sind, das Trauma vom schwierigen Umgang der Deutschen mit ihrem von den Nazis zerstörten Liedgut zu verarbeiten. Wer dabei mitmacht, trägt nicht einfach nur seine Lieder vor, sondern er singt deutschen Soul, macht deutschen Country-Rock und haucht deutsche Chansons ins Mikrophon.

Kölsch – nicht nur zum Trinken

In dieser Hinsicht war Wolfgang Niedecken in der dritten Staffel von „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ gleich mehrfach codiert. Er blickt nicht einfach nur auf eine vierzigjährige Karriere als Rockmusiker zurück. In schnoddrig vernuschelter Mundart war er von Anfang an auch um eine möglichst unangestrengte Symbiose aus Singer-Songwriter-Pose und regionaler Authentizität bemüht. Kölsch – nicht nur zum Trinken.

Dem Publikum scheint’s über die Jahre gefallen zu haben, dass BAP die übermächtigen Vorbilder des Rock & Roll mit lokalem Eigensinn traktierte. Als die Band sich 1976 gründete und sich laut Selbstauskunft zunächst nur traf, um eine Kiste Bier „leerzuproben“, fand deutsche Rockmusik am spürbarsten unter dem Sammelbegriff Krautrock statt.

Can, Grobschnitt, Nektar, Guru Guru, Amon Düül, Kraan, Kraftwerk & Co. hießen die auch international beachteten Gruppen, die sich zwischen elektronischer Avantgarde und schwermütiger Progressivität versuchten – laut und ambitioniert. Von was auch immer die Bandnamen abgeleitet gewesen sein mögen: An ihnen fällt vor allem die Distanz zu britisch-amerikanischen Namensgebungen auf. Sieht man von Can einmal ab, so klingen sie lautmalerisch, mystisch, nichtanglophon – irgendwie anders.

Eine der ersten Bands dieser Zeit, die sich – neben den Berliner Anarcho-Rockern Ton, Steine, Scherben, die früh zu Ikonen des Dagegenseins wurden – in der Namensgebung sowie in ihren Textproduktionen ausdrücklich zu ihrer Herkunft verhielten, hieß Ihre Kinder. Man schien also gar nicht leugnen zu wollen, wer man war und woher man kam. Dem übermächtigen Erbe der Väter, sollte das wohl heißen, entkommt man nun einmal nicht durch popkulturelle Umbenennung.

Ihre Kinder, das waren zunächst Sonny Hennig, Muck Groh und Georg Meyer. Sie gaben sich, wie es damals hieß, sozialkritisch. Sie sangen auf Deutsch und waren so etwas wie eine der ersten Indie-Bands ihrer Zeit. Weil die Plattenfirmen sich nicht vorzustellen wagten, dass Rockmusik mit deutschen Texten am Markt erfolgreich sein kann, finanzierte sich Ihre Kinder selbst, und sie wurden dabei unterstützt durch Jonas Porst, einen Sohn des Fotogroßhändlers Hansheinz Porst.

Ihr Album „Leere Hände“ erschien 1970, vorsichtshalber hatte man aber alle Titel auch in englischer Sprache aufgenommen. Auch wenn Ihre Kinder es nicht über eine gewisse Avantgarde-Anerkennung hinaus geschafft haben, so unternahmen sie für die Wiederaneignung des deutschen Liedguts jenseits des Schlagers doch sehr wichtige Gehversuche. In den Kellerclubs und auf den Kleinbühnen des Landes vollzog sich zugleich auch die musikalische Durcharbeitung eines Generationenkomplexes.

Das Motiv der Loslösung vom Vater spielt auch bei Wolfgang Niedeckens BAP eine Rolle, und sie klingt nicht nur in der Namensgebung an. Im ersten großen Hit („Verdamp lang her“), in dem es um ein Zwiegespräch mit dem verstorbenen Vater geht, gelingt Niedecken die paradoxe Verknüpfung von vergrübelten Befindlichkeitstexten mit einem einfachen Mitgrölrhythmus. Neue deutsche Innerlichkeit als Stadionsound.

„Irjendsujet muss et sinn“

Als Wolfgang Niedecken aber 1977 die ersten Bühnenauftritte absolvierte, hatte er seinem Autoritätsproblem bereits eine Richtung gegeben. BAP war von Beginn an der Versuch, lokale Bodenständigkeit mit den großen Vorbildern zu fusionieren: Bob Dylan, Rolling Stones, Bruce Springsteen. Letzterer war erst kurz zuvor, im Oktober 1975, in einer Titelgeschichte des „Time Magazine“ als neuer Bob Dylan gefeiert worden. Einer, der von unten kam, sich politisch engagierte und nicht so unnahbar schien wie Dylan.

„Irjendsujet muss et sinn“, wie es in einem Lied von BAP heißt, wird sich auch Wolfgang Niedecken gedacht haben. Er pflegte die Pose des „Boss“ – auch eine Art Vaterfigur.

Der Zugriff auf den regionalen Dialekt war weit mehr als die Laune von ein paar jungen Kölner Musikern. Der Wiener Rockmusiker Wolfgang Ambros nahm 1978 eine Platte mit Dylan-Songs auf, die er in breitem Wienerisch intonierte („Allan wia stan“). An ein ähnliches Projekt traute sich Niedecken mit eher fragwürdigem Ergebnis erst sehr viel später heran. Tatsächlich aber passten Dialekt und Dylan-Slang besser zusammen als alle anderen Versuche der Nachdichtung. Ein Stück des Zeitgeists waren sie ohnehin.

Die politischen Bewegungen der Siebzigerjahre hatten sich allmählich regionalisiert. Die Aufmerksamkeit des gesellschaftlichen Protestes richtete sich nicht mehr auf Vietnam und Kambodscha, sondern auf Brokdorf, Grohnde, Whyl am Rhein und Kalkar.

Die Namen der Dörfer, in denen, wie es der ökologisch-politischen Lesart entsprach, unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt wurde, eröffneten nicht nur in sprachlicher Hinsicht neue Räume. Mit dem Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken, Endlagern und Wiederaufbereitungsanlagen vollzog sich auch eine Wiederaneignung der deutschen Landschaften. Apocalypse goes local.

Die Wilstermarsch und das Wendland wurden als alternative Lebensräume entdeckt, in denen auf demonstrative Weise andere Entwürfe des Wohnens und Zusammenlebens ausprobiert wurden. Die großen, zum Teil gewalttätigen Demonstrationen vor Bauzäunen hatten letztlich auch eine Art Festivalcharakter, und wer das örtlich gebräuchliche Plattdeutsch nicht konnte, entdeckte nun als politisches Statement, es zu lernen. Die Aneignung der ländlichen Räume war politisch motiviert und sie war modisch durchdrungen, also Pop.

Auf BAPs zweitem Album, das 1980 unter dem Titel „Affjetaut“ erschien und auf dem ein Mülleimer, ein Herd und ein geöffneter Kühlschrank abgebildet sind, gingen Wohngemeinschaftsgefühl und örtliches Standhalten ineinander über. Im „Stollwerck-Leed“, das sich gegen die Kölner Sanierungspolitik richtet und die Besetzung der alten Fabrikräume des Schokoladeproduzenten Stollwerck thematisiert, spielt Wolfgang Niedecken den Konflikt zwischen Weggehen und Bleiben durch – und er plädiert emphatisch dafür, sich einzumischen: „die wehre sich jetz, / die mischen sich enn. / Mir weede immer mieh, / hoffentlich immer mieh, / denn nur su hahte mir se op!“

Aber weil Wolfgang Niedecken tief von seinem Vorbild Bob Dylan durchdrungen war, hielt er sich nicht nur damit auf, einen lokalen Protestsänger abzugeben, sondern nahm die Songschreiberei auch zum angestrengten Versuch, die eigenen Beziehungskisten, wie es damals hieß, zu bearbeiten. Das klang gerade auf Kölsch weder kitschig noch übertrieben pathetisch, sondern hatte durch die klangliche Verfärbung immer schon eine selbstironische Note.

Auf „Affjetaut“ findet sich auch das Stück „Anna“, das nicht musikalisch, aber in seiner lyrischen Diktion an Dylans „She belongs to me“ erinnert. Das Kölsch funktioniert hier auch als Distanzierungsjargon. „Moondaachs besste ne Friedhoff, / Dienstaachs besste ne Puff / Mettwochs dräumste dich fruh, / Daachsdrop stirvste em Suff / Friedaachs isste kei’ Fleisch, / Sabbat ärbeidste nie, / do sparste Power für Sonndaachs, / Annamarie.“

An Niedeckens BAP schieden sich natürlich auch die popkulturellen Geister. Langfristig war der biedere Rückgriff auf die Gefühlswelt gleich um die Ecke nicht mit der großen Geste des Rock in Schwung zu halten. Die Stones, Dylan & Co. gerieten in den Achtzigerjahren ja selbst in schwere künstlerische Krisen, aus denen ein paar Kölsche Leeder am Ende nicht heraushalfen. „Op dir a Leed tatsächlich jentz jenücht“, lautet eine Zeile in „Verdamp lang her“.

Und doch hat BAP inzwischen eine Patina künstlerischer Nachhaltigkeit angesetzt. Das mag an Niedeckens beachtlichem Beharrungsvermögen liegen. Aber wohl auch daran, dass es ihm gelungen ist, mit den Mitteln Kölscher Schnoddrigkeit ein paar Sehnsuchtsmarkierungen zu setzen, die über die Zeit haltbar geblieben sind. Wie sonst vielleicht nur noch dem aus dem Münsterland stammenden und in Hamburg beheimateten Udo Lindenberg kommt Wolfgang Niedecken das Verdienst zu, die Deutschen mit ihrer Provinzialität versöhnt zu haben.

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