Booka Shade

Sie sind raus aus dem House

  • Arne Löffel
    vonArne Löffel
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Mit Ex-Archive-Frontmann Craig Walker gehen Booka Shade neue Wege auf der "Galvany Street". Die Antwort auf die Frage, ob das Album die hohen Erwartungen erfüllt, fällt vielschichtig aus.

Wenn Walter Merziger und Arno Kammermeier alias Booka Shade ein neues Album ankündigen, dann hören Freunde elektronischer Tanzmusik ganz genau hin. Groß sind die Erwartungen, die sich nach Hits wie „Body Language“, „Mandarine Girl“ oder „Charlotte“ aufgebaut haben. Noch größer werden sie nach der Ankündigung, sich für das anstehende Album „Galvany Street“ Craig Walker, den ehemaligen Frontmann der britischen Indie-Rock-Band Archive, ins Studio geholt zu haben.

Die Antwort auf die Frage, ob „Galvany Street“ die hohen Erwartungen erfüllt, fällt vielschichtig aus: Erfüllt werden sie, was das kompositorische Geschick, die Dramaturgie und musikalische Qualität angeht. Wer aber ein weiteres Potpourri aus Rave-Ohrwürmern erwartet, wird enttäuscht. Oder zumindest irritiert – und vielleicht auch eines Besseren belehrt. „Wir sind raus aus dem House“, bringt es Merziger gegenüber der Frankfurter Rundschau auf den Punkt.

Tatsächlich ist der am heutigen Freitag erscheinende Longplayer „Galvany Street“ kein Minimal-Techno-, sondern ein Indie-Disco-Album. Mit Songs, nicht mit Tracks, mit Texten zum Mitsingen und allem, was man sonst so erwartet. „Galvany Street“ klingt ab und an nach Roxy Music, manchmal nach My Mine und zum Glück so gut wie gar nicht nach Depeche Mode. Nicht, weil Depeche Mode per se schlecht wäre, sondern weil es erwartbar gewesen wäre.

Gänzlich überraschend kommt die Hinwendung zum Pop nicht. Schon im Intro des Club-Hits „Charlotte“ haben Booka Shade eine Spur in ihre musikalische Vergangenheit gelegt. „We’re kids of the eighties“, ist da zu hören. Damals traten sie bereits als Pop-Band auf. „Planet Claire“ hießen sie, so wie der Song der B52s. Trotz dieser plakativen Vergangenheit haben Booka Shade aber nicht einfach einen schalen Achtziger-Pop-Aufguss aufgenommen. „Wir wollten was Zeitgemäßes machen. Zum Beispiel mit fetten, tiefen Bässen, wie man sie heute im Club hat“, sagt Merziger.

Die Abkehr vom Techno ist für Merziger und Kammermeier nach 20 Jahren im Musikgeschäft eine Frage der Konsequenz. „Wir müssen uns und unsere Musik immer wieder hinterfragen und irgendwie scheint das bei uns alle zehn Jahre massiv der Fall zu sein. Dann sind wir auf der Suche nach neuen Impulsen – und die kommen im Moment nicht aus den Clubs“, so Kammermeier. „Wir sehen die Impulse eher bei Indie-Disco, das macht uns einfach mehr Spaß.“

Obwohl Booka Shade in diesen Tagen eher die Konzertsäle als die Clubs suchen, ist die Musik für Kammermeier und Merziger dennoch zum Tanzen da. „Die spielen wir aber jetzt lieber live. Wenn man einen Gig nachts um drei in einem Club hat, dann tanzen zwar auch alle, aber keiner kann sich am nächsten Tag daran erinnern“, scherzt Merziger. Daher freue sich die Band darauf, jetzt vor anderer Kulisse zu spielen.

Drei Jahre ist es her, dass „Eve“ erschienen ist. „Die längste Produktionszeit, die wir jemals hatten“, sagt Merziger. Daraus dürfe man nicht den Schluss ziehen, dass sich Booka Shade mit dem aktuellen Album besonders schwer getan hätten.

„Im Gegenteil“, betonen sie. Vielmehr hatten sie ein komplettes Techno-Album fertig, als sie beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen. Das sei wieder in der Schublade verschwunden. Den Impuls dazu habe auch das Zusammentreffen mit Craig Walker vor anderthalb Jahren gegeben. „Craig hat sich wie wir auch in den Riverside Studios in Berlin eingemietet und wurde uns vorgestellt“, so Kammermeier. Schnell habe man beschlossen, zusammenzuarbeiten, Tonspuren, Arrangements und Songs ausgetauscht. „Das war so unglaublich inspirierend, dass wir daraus unbedingt ein Album machen wollten.“

Auch der ehemalige Archive-Frontmann ist voll des Lobes über die Zusammenarbeit, obwohl sie auch für ihn ungewöhnlich gewesen sei. „Ich habe Spuren zugeschickt bekommen, darauf getextet und gesungen, sie zurückgeschickt. Die Musik war super. Man hätte sie sofort veröffentlichen können“, berichtet er. Doch damit nicht genug. „Craigs Material war so klasse, dass wir bei der Musik immer noch mal eine Schippe drauflegen mussten, ehe wir ihm die Spuren wieder zurückgeschickt haben“, ergänzt Merziger. Und auch Walker ist immer noch beseelt von der gemeinsamen Produktion: „Ich war total begeistert – obwohl ich die Songs kaum mehr erkannt habe.“

Diese Begeisterung für die Sache ist bei „Galvany Street“ deutlich zu spüren. Das Album hat tiefgründige Songs und leise Töne, die ihre wahre Pracht erst beim dritten oder vierten Hören offenbaren, aber auch die offensichtlichen Elemente, die gleich beim ersten Mal Spaß machen. Zum Beispiel die Single-Auskopplung „Babylon“ mit den bereits erwähnten, fetten Bässen, einem geschmeidigen Refrain und für die Bridge einem weiteren bemerkenswerten Gastauftritt: Urdur, die astrale Sängerin der isländischen House-Band GusGus. Auch bei diesem Namen hören die Fans elektronischer Tanzmusik ganz genau hin.

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