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Sir Simon Rattle und Dorothea Röschmann, hier mit Alban Berg.

Alte Oper

Sir Simon Rattle und das Symphony Orchestra London: In rasanter Fahrt

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Beethoven furios: Sir Simon Rattle und das Londoner Symphony Orchestra in der Alten Oper Frankfurt.

Die erste Beethoven-Sinfonie im Beethoven-Jahr in Frankfurts Alter Oper bescherte das London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92., 1812 fertiggestellt und am 8. Dezember 1813 unter Leitung des Komponisten uraufgeführt. Ein Benefizkonzert für die Invaliden des Kampfs gegen die Napoleonische Okkupation, bei dem sich der Komponist zu seinem „Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben“, bekannte.

Man darf sicher sein, dass die Aufführung in der Aula der Wiener Universität um Klassen schlechter war als das, was jetzt im Großen Saal stattfand. Nicht allein wegen der „unsicheren und dabei oft lächerlichen Diktion Beethoven’s“, wie der mitmusizierende Louis Spohr berichtete. Heute weiß man bis in die letzte Einzelheit das Werk besser darzustellen, als der taube und vielbeschäftigte Meister es konnte. Zigfach gespielt, sind in heutigen Präsentationen nur noch im mikrologischen Bereich Wahrnehmungsanreicherungen möglich. Zumal seit langem alle auf den Zug der schnellen, metronombasierten Beethoven-Tempi aufgesprungen sind. Da bleibt nur noch ein wenig Variabilität bei Größe der Klangquelle, Spielweise und Profilierung einzelner Stimmgruppen.

Man trat in Großbesetzung an und entfaltete ein breites, bis in den kaum wahrnehmbaren Pianissimo-Bereich absenkbares dynamisches Spektrum. Die Pauke, gerade in dieser Sinfonie, die den thematischen Marschcharakter zentral fokussiert, hatte breiten, mächtigen aber nicht knallenden Klang. Wie gewaltige Setzungen waren die entsprechenden Tutti-Artikulationen, wobei alles in rasanter Fahrt geschah. Man wohnte dank der ungemeinen Kraft des Orchesters einem mächtigen und furiosen Klangprozess bei, der dennoch detailreich blieb: ein Elan, dem doch alles Polternde oder Gellende abging. Triumphale Turbulenzen, die man nicht bloß als Bild von Vitalität und Aufbruch, sondern auch ganz ästhetisch als meisterliche Setzung von Tonmengen-Elementarität erleben konnte.

Solche sah bei Alban Berg, dem die erste Hälfte des Programms gewidmet war, ganz anders aus. Eine noch größere Besetzung als bei Beethoven galt hier extrem verdichteten Konstruktionen, die der 115 Jahre nach Beethoven geborene Wiener vor dem ersten Weltkrieg schuf, wozu auch die „ zählt. Kein Dirigent bekommt es hin, die wuchernden, sich verschlingenden Vorgänge in „Drei Orchesterstücke op. 6“ auf einer nachvollziehbaren Hör-Ebene zu präsentieren und ihre deregulierte Interaktion maßstäblich zu vermitteln. Entscheidend ist nur,, wie mehr oder weniger klobig, unscharf oder lärmend das Dickicht oder das Brodeln und Bersten daherkommt. Aus London war ein Optimum an Lockerheit und Souveränität zu hören im Ausleben der höchst selbstbezüglichen Gestaltungsart Bergs. Zu Beginn erklangen „Sieben frühe Lieder“, die den Komponisten zwischen jugendstiliger Floralität und dem Beginn entregelter Gestaltung zeigte. Hier wirkte der Sopran Dorothea Röschmanns mit seiner Möglichkeit zu fließender, raumgreifender Qualität trefflich.

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