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Simon Rattle mit Bruckner in der Alten Oper: Aus dem Labor des Komponisten

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Das London Symphony Orchestra mit Simon Rattle spielt Bruckners Vierte komplett.

Anton Bruckners Sinfonien wirken ausufernd, aber nicht unsicher. Lesen wir kurz in eine zeitgenössische Kritik zur Vierten, 1881 uraufgeführt, hinein. „Ein junger Herkules, der in der Wiege zwei Schlangen erdrosselt, würde vielleicht in ähnlicher Weise Musik machen“, so Musikautor Max Kalbeck, den man sich als erklärten Bruckner-Gegner zähneknirschend oder gönnerhaft vorstellen muss. Dabei erscheint das Werk dieses „Kindes mit Riesenkräften“ heute viel komplexer und nachdenklicher, als Bruckner-Hasser es wahrhaben wollten. „Heute“ im Allgemeinen gesprochen und konkret auf einen ungewöhnlichen Abend in der Alten Oper Frankfurt bezogen.

Hier spielte Sir Simon Rattle mit dem London Symphony Orchestra eine Art Uraufführung: Bruckners 4. Sinfonie in der üblichen zweiten Fassung, dazu zwei gestrichene, ersetzte Sätze, den dritten, „Scherzo“, und den vierten „Finale“. Erstmals – erstmals nach der allerersten Aufführung vor einigen Tagen in London – erklangen damit alle vorhandenen Sätze zusammen, rekonstruiert von Benjamin-Gunnar Chors für die in diesem Jahr erschienene Urtext-Gesamtausgabe. Das Scherzo ist nicht wiederzuerkennen, das verworfene Finale frappiert durch bereits vertraute Passagen, die aber noch lange nicht den erwarteten und angepeilten Effekt haben, viel gröber wirken. Rattle wies zudem vorab darauf hin, dass Bruckner mit seinen langen – jenseits von Beethovens Neunter unerhört langen – Sinfonien vor einem beträchtlichen Formproblem stand. Das, was im vertrauten Rahmen der „Romantischen“ – hierfür vielleicht der milde blaue Schimmer im Hintergrund – so selbstverständlich und zwingend erscheint, ist das Ergebnis einer intensiven Experimentierphase. Mit Versuch und Irrtum ohne Vorbild und vorerst ausschließlich im Labor.

Wie herauspräpariert

Man schaue, so Rattle, in den Kopf des Komponisten, aus dem es also nun herausquoll. Vor der Pause die beiden einzelnen Sätze, etwas befremdlich, wie herauspräpariert aus einem Zusammenhang. Aber sie gaben den machtvoll gediegenen Ton vor, den das Orchester – dicht besetzt, alle mit Mundnaseschutz – anschlug. Am Stück war das nach der Pause noch imposanter, die Ohren geöffnet für Formfragen. Leider auch für technische Nebengeräusche übrigens, die vor allem das Andante empfindlich störten.

Wenn man sich gelegentlich fragt, ob es doch mehr ein Organismus oder ein Apparat ist, hörte man hier einen lebendigen Körper, geschmeidig, organisch. Eine Sternstunde für die Blechbläser, denen nachher der größte Jubel entgegenbrauste.

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