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Sharon Van Etten auf der Bühne.

Sharon Van Etten

Sie ist bei sich geblieben

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Die Singer-Songwriterin Sharon Van Etten und ihr Album „Remind Me Tomorrow“.

Von der Gitarre hat sie, fürs Erste zumindest, weitreichend Abstand genommen. Bisher ist Sharon Van Etten als eine musikalisch aufgeklärte, zwischen Folk, Country und Rock changierende Singer/Songwriterin bekannt gewesen – und das ist sie im Grunde auch geblieben. Bloß dass die Inszenierung ihrer Songs sich entschieden gewandelt hat. Vier Jahre liegt die Veröffentlichung des letzten Albums zurück, in dieser Zeit hat die ursprünglich aus New Jersey stammende New Yorkerin in der Netflix-Mystery-Serie „The OA“ ihr Debüt als Schauspielerin gegeben; mit ihrem Song „Tarifa“ ist sie in der Bang Bang Bar von David Lynchs „Twin Peaks“ aufgetreten. Des weiteren hat sie einen Sohn bekommen, ihren Collegeabschluss nachgeholt und ein Studium der Psychologie aufgenommen. Mit anderen Worten: Es ist viel passiert in ihrem Leben. Für ihre Rückkehr zur Musik nun sollte der Sound ein anderer sein als zuvor.

Den mechanisch geraden Takt eines Drumcomputers beispielsweise hat es in ihrer Musik auch in der Vergangenheit schon mal gegeben. Erstmals aber sind auf „Remind Me Tomorrow“, ihrem fünften Album seit ,,Because I Was In Love“ von 2009, Synthie & Co. neben dem Klavier oder auch mal einer Orgel bestimmend für das Klangbild. Das ging einher mit der Entscheidung, den Texaner John Congleton als Produzenten zu engagieren, in seinem Fach derzeit der Mann der Stunde. Der Ruf des Steve-Albini-Schülers geht vor allem auf seine Arbeit für St. Vincent zurück, mit der er 2014 einen Grammy für das beste Album in der Kategorie Alternative eingeheimst hat. Angel Olsen und zuletzt die amerikanische Post-Punk-Band Priests sowie die britische Neuentdeckung Nilüfer Yanya gehören des weiteren zu seinen Kunden.

Und jetzt eben Sharon Van Etten. Congleton hat dem Album seinen Stempel aufgedrückt, doch er lässt sich auf „seine“ Künstler und ihren individuellen Charakter ein. Etliche der Songs sind durchzogen von ostinaten Akkorden auf dem Klavier, dem Instrument, an dem die 37-Jährige inzwischen komponiert.

Schon Titel wie „I Told You Everything“ oder „No One’s Easy to Love“ lassen erkennen, dass es nach wie vor in einer klassischen Songwritermanier in erster Linie um Innerlichkeit und Liebe geht. Die zumeist flächenhaften Synthiesounds sind melancholisch verschattet und die oft basslastigen Beats schleppend, die Arrangements eher karg, mit Momenten von Dichte, bevorzugt unter den Refrainzeilen. „Seventeen“ ist gleichsam Sharon Van Ettens „Springsteen-Nummer“. Auf „Comeback Kid“ dagegen, der ersten Single, erinnert die Stimme unvermutet an Siouxsie Sioux von Siouxsie and the Banshees.

Gleichwohl hinken die in der musikjournalistischen Wahrnehmung verschiedentlich gezogenen Vergleiche zum New Wave arg. Auch unter den neuen musikalischen Vorzeichen bleibt Van Etten im Vortrag ihrer Songs nahbar. Sie ist bei sich geblieben, die Stimmung ist, ungeachtet aller Melancholie, eine lebensbejahende. Beruflich sieht sich Sharon Van Etten im Übrigen auf Dauer nicht als Musikerin, sondern als Psychotherapeutin. Das zeugt, in Zeiten, in denen selbst ein beachtlicher Erfolg in der Musik mitnichten zwingend mit einer nährenden materiellen Lebensgrundlage verbunden ist, von einigem Wirklichkeitssinn.

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