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Der Posaunist Nils Landgren rührt im Wiesbadener Kurpark mit seiner Band den Funk an.

Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Das Publikum vor der Wiesbadener Kurpark-Konzertmuschel reagiert als Resonanzkörper für die Nils Landgren Funk Unit etwa so beweglich wie das Produkt des Konzertsponsors, einer Zementfirma. „Mein Ziel ist, dass wir später alle tanzen – ich sage Bescheid, damit es nicht zu spontan wird“, sagt der Mann mit der roten Posaune süffisant.

Landgren war schon öfter beim Rheingau Musik Festival; er weiß, wie fest die Zuhörer in den Klappstühlchen klemmen. „Funky“ bedeutete ursprünglich so etwas wie stinkend, schmutzig, die Musik kommt aus verräucherten, schwitzigen Jazzkellern – fein geharkter Kurparkkies, Aperölchen und Einstecktücher sind nicht gerade sein natürliches Habitat. Aber der wohl bekannteste europäische Jazz-Posaunist hat seit den 90ern Erfahrung damit, Auditorien in Schwung zu bringen. Seine Heimat Degerfors im schwedischen Värmland ist auch nicht gerade Dayton, Ohio. Er kann auch anders: Das meditative Album „Salzau Music on the Water“ und mehrere Weihnachtsalben markieren das ruhige Ende seines Spektrums. Zuletzt hat er sich mit Michael Wollny, Lars Danielsson und Wolfgang Haffner zu einer Art Jazz-Supergroup namens „4 Wheel Drive“ zusammengetan.

Seit den Anfangstagen der Funk Unit sorgt Bassist Magnum Coltrane Price für die dreckige Basis. Mit schwarzen Shorts, Basecap, Tattoos und einem T-Shirt seiner eigenen Band „Level Up“ strahlt er ordentlich Street-Cred aus. Fette Läufe, schnalzendes Slap-Spiel, so gehört sich das. Dazu die bronzelastigen, treibenden Drums von Robert Ikiz, Andy Pfeiler mit kurzgeschrabbelten Funky-Riffs auf der E-Gitarre und Petter Bergander an einer viel gereisten Hammond und abgestoßenem Rhodes-Keyboard mit diversem analogen Effektgerät. Alle haben in den vielminütigen Nummern ausreichend Gelegenheit, sich auszutoben. Neben Landgren treten auch Price und Pfeiler als Gesangssolisten in die Mikros. Ankerpunkte der Arrangements sind genregemäß die Bläsersätze von Landgren und Saxophonist Jonas Wall, gelegentlich unisono geführt, scharf und volltönend.

Der Bandleader drängt sich nicht in den Vordergrund, aber an seinen Soli merkt man doch, wer der Herr der Houseparty ist: Wie ein angstfreier Seiltänzer mit verbundenen Augen federt die Posaune über gewagt gespannte Melodielinien. Hochkarätiges Jazz-Handwerk fusioniert mit Humor und eminenter Tanzbarkeit. Aber auch wenn Songs wie „Friday Night“, „Unbreakable“ oder „Funk For Life“ immer wieder rhythmische Körperbewegungen fordern, tut sich lange nichts vor der Bühne. Dass der Deutschland- „Funk“ den Abend aufzeichnet, amüsiert Landgren. Nach „Fonk da World“ reißt eine Pause das aufgebaute Energielevel wieder runter.

„Wir sind zurück“, weist Landgren danach die noch quasselnden Gäste hin. Aber bei „Get On Up“ schaffen Landgren und Price es dann doch, ein paar Leute mehr auf die Beine und bis „Ain’t Nobody Messing With My Baby“ sogar zum Mitsingen zu bringen. Als Zugabe gibt es erst „Stuff Like That“, dann kommt Landgren noch einmal allein zurück. Während er ein schwedisches Volkslied in „Smoke On The Water“ und zurück verwandelt, baut er seine Posaune auseinander, bis er nur noch auf dem Mundstück spielt und die Töne dann sogar nur durch die Lippen presst.

Da stehen längst alle und klatschen mit. Bauexperten wissen: Wie schwingungsfähig Beton ist, hängt von den Zutaten ab.

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