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Und wo ist „GRM“?

Times mager

Shortlist für den Deutschen Buchpreis

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Natürlich fehlt ein Buch, und zwar ein ganz besonderes. Das ist aber immer so.

Der Paritätismus der Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist kaum zu übertreffen. Wer seit Wochen an der Longlist nagt, für den rückt allerdings zuerst noch etwas anderes in den Vordergrund, das hier noch einmal stehen muss: Wie ist es möglich, zwanzig Titel für das laufende Buchpreisjahr zu benennen, und Sibylle Bergs krasser, fast total gegenwärtiger, nur wenige Jahre, höchstens, in der Zukunft spielender Roman „GRM“ ist nicht dabei? Nun gehört die Wendung „wie ist es möglich“ zu Recht verboten, denn offenbar ist es ja möglich. Kritikerinnen und Kritikern ist das geläufig: Wie ist es möglich, dass Sie dieses entsetzliche Stück gut fanden, dieses herrliche Buch nicht verstanden haben etc.? Und noch schlimmer soll es ja sein, wenn man in der Buchpreis-Jury sitzt.

Andererseits, trotzdem: Wie ist es möglich, zwanzig Titel herauszuarbeiten und Sibylle Bergs auch sprachlich nach vorne schauende Dystopie – und sprachlich ist es da vorne ebenfalls nicht gemütlich – „GRM“ ist nicht dabei?

Vier Juroren und drei Jurorinnen haben aber stattdessen Folgendes herausgearbeitet: Drei Autorinnen, drei Autoren, drei Debüts, sechs Verlage, darunter ein kleines Wiener Haus. Interessante Familienkonstellationen fallen auf, unter besonderer Berücksichtigung von irritierten, in ihrem Rollenbild jedenfalls herausgeforderten Männern, wie etwa in Miku Sophie Kühmels erstem Roman „Kintsugi“ (S. Fischer), in dem drei überwiegend homosexuelle Männer und die Tochter des einen in einem kuriosen, wohl aus Wahlverwandtschaften heraus zu erklärenden Quartett miteinander umgehen, aber vielleicht tun sie das bald nicht mehr. „Kintsugis“ tatsächlich ziemlich durchschlagender Erfolg bekommt beim Lesen seinerseits eine irritierende Note. Oder in Tonio Schachingers Romandebüt, der Fußballer-Geschichte „Nicht wie ihr“ (Kremayr & Scheriau). Oder in Jackie Thomaes „Brüder“ (Hanser Berlin), die von zwei ungleichen Brüdern erzählt, die die dunkle Hautfarbe eint. Sind Männer bessere Indikatoren für eine Desorientierung?

Die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die nicht mehr ganz versteht, was los ist, spielt auch in Sasa Stanisics wichtigem Buch „Herkunft“ (Luchterhand) eine Rolle, dem einzigen Frühjahrstitel, der es bis hierhin geschafft hat. Norbert Scheuers „Winterbienen“ (Beck) ist ein feiner, kluger Roman über die späte Kriegszeit, ein klassischer Scheuer. Raphaela Edelbauer wiederum, die noch nicht klassisch sein kann, machte 2018 beim Klagenfurter Literaturwettbewerb auf sich aufmerksam und jetzt erst recht mit ihrem Debüt „Das flüssige Land“ (Klett-Cotta). Womöglich ist nun – ohne „GRM“ – ihr Buch der literarisch originellste Beitrag auf der Liste.

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