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Sheku Kanneh-Mason zu Gast beim HR-Sinfonieorchester im Sendesaal am Dornbusch. Foto: Tim Wegner/HR

HR-Sinfonieorchester

Sheku Kanneh-Mason und das HR-Sinfonieorchester: Blitzendes Energiebündel

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Das HR-Sinfonieorchester mit dem jungen britischen Cellisten Sheku Kanneh-Mason im Sendesaal am Dornbusch.

Dass Dmitrij Schostakowitsch mehr als zwei Sinfonien geschrieben hat, die unter den Nummern 5 und 7 landauf, landab gespielt werden, bekommt man im musikalischen Hauptbetrieb nicht mit: die insgesamt 15 Werke dieser Gattung aus seiner Feder stehen bloß auf dem Papier. Allein schon wegen der Möglichkeit, aus diesem sinfonischen Arkanum etwas zu hören, musste sich der Weg ins Funkhaus am Dornbusch lohnen, wo das HR-Sinfonieorchester seine Konzertreihe „Auftakt“ mit jungen Solisten und Dirigenten pflegt.

Jetzt wurde dort als finaler Posten Schostakowitschs 9. Sinfonie aufgeführt in einem interessanten Programm, das dem Publikum neben dieser Novität von 1945 eine von 2007 bescherte. Geschrieben von dem heute 48-jährigen Thomas Adès aus Großbritannien und aus dessen 1995 entstandenen Oper „Powder Her Face“ verfertigt: eine dreisätzige Tanz-Suite.

Sie erklang zu Beginn des Abends im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Adès ist ein typischer Vertreter dessen, was man das MAYA-Prinzip nennt: eine Gestaltung „most advanced – yet acceptable“; also am meisten fortgeschritten, aber noch akzeptierbar. Ästhetischer commom sense, der so weit geht, wie ihm viele folgen können.

Das waren hier zersetzte Klangchiffren populärer Tanz-Idiome, die die Swingorchester-Ära der dreißiger Jahre in halb geschredderter Form aufleben ließen. Raffinierter, farbiger, tüfteliger Orchestersatz in griffiger Gestik und treibender Zielführung. Ein Bewährungsfeld für Thomas Adès’ Landsmann, den 36 Jahre alten Dirigenten Nicholas Collon, der spannungsreich und rhythmisch pointiert das Orchester als ein blitzendes Energiebündel zeigte.

Das genaue Gegenteil, mit intrikaten Klangfeldern und feinsten Abtönungen eines schwermütigen Versunkenseins boten die fabelhaften HR-Sinfoniker bei Edward Elgars Cello-Konzert von 1919. Einem Werk, das das Verschwinden seiner Kultur nicht als ein maues Versickern im Schlamm, sondern als aufrechten Gang in die Gruft betreibt: eine klingende Grabstätte des viktorianischen Zeitalters mit der Solostimme als Epitaph. Eine wunderbare, weit ausholende Klangwelt des trauernden Stillstands, der seine Größe gewinnt gerade in der ruhigen und leisen Festigkeit, die der 19-jährige Sheku Kanneh-Mason, ebenfalls aus dem United Kingdom, mit Intensität und Wärme gab. Mit einem makellosen, nicht zu schlanken, aber druckfreien Ton und einem mit langem Atem ausgestatteten Legato, das vom Dirigentenpult aus auch dem Tutti vermittelt werden konnte.

Perfekt knüpften an Thomas Adès die Stil-Adaptionen und -mutationen an, die Maurice Ravel 1912 dem klassischen Walzer in „Valses nobles et sentimentales“ angedeihen ließ. Hier eher herb, ja hart und eher grell statt dezent gespielt. Die 9. Sinfonie schließlich brachte zum einen das bei Schostakowitsch immer anwesende Vergehen in Gestalt von trübseliger und stoischer Haltung. Und zum anderen die Kreuzung von Manie und Martialität, hier in der Ausfertigung von spöttischer Munterkeit, die sich, wie bei Ravel und Adès, diverser Bewegungsklänge bediente.

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