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Seong-Jin Cho und das Philharmonia Orchestra in der Alten Oper Frankfurt: Die Walze, sie rollt

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Von: Judith von Sternburg

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Seong-Jin Cho im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Foto: Tibor Pluto / Alte Oper Frankfurt
Seong-Jin Cho im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. © Tibor-Florestan Pluto

Londons Philharmonia Orchestra mit dem Pianisten Seong-Jin Cho und dem Dirigenten Santtu-Matias Rouvali.

In der Alten Oper Frankfurt so viele junge Koreanerinnen und Koreaner wie möglich, der netteste Beweis dafür, dass Seong-Jin Cho zu Hause ein Star ist. Hier ist er auch sehr bekannt, und die Bravour und Introvertiertheit, mit der er Sergej Prokofjews angeberisch enormes Klavierkonzert Nr. 2 absolvierte, demonstrierte, woran das liegt. Seong-Jin Cho, gerade noch 27 Jahre alt, zeigte sich am Instrument konzentriert und sozusagen hochdosiert, zu hören war aber ein Tastenlöwe, der sich gegen das Orchester behauptete und gegen sich selbst, indem in der Raserei eine kristallene Klarheit der Melodieführungen erhalten blieb. Das Herumrühren in der frühen gewaltigen Kadenz machte das besonders deutlich, in der trotzdem in jedem Moment alles trefflich durchorganisiert schien. Könnte man die Zeit anhalten und eine dünne Scheibe aus ihr herausschneiden, wäre jeder Ton an seinem Platz gewesen.

Das muss ein Kraftakt sein, aber Cho ließ das nur bei der kurzen Zugabe aus Maurice Ravels „Valses nobles et sentimentales“ ahnen. Als hätte er nämlich ein Stück gewählt, bei dem minimalistischer Tastendruck nicht nur ausreicht, sondern Bedingung ist.

Der geeignete Kompagnon für diesen Irrsinn war das Philharmonia Orchestra aus London unter seinem finnischen Chefdirigenten Santtu-Matias Rouvali, einem unprätentiösen, genau agierenden Mann am Pult. Prokofiews Steigerungen und Klangwalzen – von Rouvali gezügelt, aber nur, um zu modellieren, nicht um es leiser oder langsamer zu haben – brauchen starke Nerven und makellose Leistungen in allen Stimmgruppen. War das schon zu perfekt? Kann es das geben: zu perfekt?

Vorab Rossinis „Semiramide“-Ouvertüre, wie um sich an das Großformat (das so ja in keinen Graben passt) zu gewöhnen. Nach der Pause Peter Tschaikowskis 4. Sinfonie. Und auch bei diesem Konzertsaal-Hit gelang es dem Orchester, von allem mehr zu geben: mehr Schliff, mehr Schneid, mehr Süße, die trotzdem keine Süßlichkeit war.

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