Musik

Sensibel eingefädelter Klangrausch

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Lise de la Salle spielt im Rheingau Beethoven und Liszt.

Wenn das ZDF demnächst einmal eine Adelsromanze in Auftrag geben sollte über eine junge Pianistin und ihr Leben, Leiden und Lieben, dann ließe sich die Biografie der Lise de la Salle eins zu eins übernehmen. Sie entstammt einem alten französischen Adelsgeschlecht großväterlicherseits, während die großmütterliche Linie russische Wurzeln hat, die Annalen wissen von einer Verbindung zu Tschaikowsky. Die junge Lise war stets von Kunst umgeben, musste nicht zur Schule, wurde fernunterrichtet (das ZDF sollte einen Hauslehrer daraus machen). Erstes Konzert mit neun. Sie liest gerne, „besonders Dramen: Molière, Racine, Goethe“, das gab sie selbst zu Protokoll. Und sie sieht elfenmäßig wächsern aus, aber das nur auf den PR-Fotos ihrer Agentur.

Im ZDF-Epos würde die Kunstfigur Lise de la Salle fragile Musik von Mendelssohn spielen oder von Chopin, was natürlich rein gar nichts gegen diese beiden sagen soll. Auf Schloss Johannisberg aber, wo die echte Lise de la Salle jetzt Gast des Rheingau Musik Festivals war, standen Beethoven und Liszt auf dem Programm, also kerniger Stoff, kein Schonprogramm.

Adel hin, Weichzeichnung her: Die mittlerweile 31-jährige Pianistin liefert weit mehr ab als die Tapete für eine idealisierte Kunstfigur. Sie zeigt vielmehr einen Beethoven – „Les Adieux“ und Opus 111 – von einiger Entschiedenheit, von fast pedalloser Klarheit die eine Sonate, von Kraft und Formsinn die andere. Und doch, das Transparente, ja selbst Filigrane hat sie schon auch zu bieten. Geradezu metaphysisch schwerelos gelang ihr der Beginn des zweiten Satzes der 111, herrlich weltenthoben das Diskantgeklingel, und gänzlich unprätentiös so mancher Schluss.

Von Franz Liszt wählte Lise de la Salle Vollgriffiges der nicht allzu häufig zu hörenden Sorte, gerne mit lustvoll freigesetztem Bass-Rumor, darunter die „Funérailles – October 1849“ und die Legende „St. Francois de Paule marchant sur les flots“ – ihr Heiliger Franziskus vermochte in der Tat Vögel anzulocken, zumindest umflog eine Schwalbe bald ihr Podium.

Den stärksten Eindruck aber hinterließ „Isoldens Liebestod“, eine Liszt-Bearbeitung der Wagnerschen Opern-Schlussszene. „Vor drei Jahren hörte ich den Schluss von ‚Tristan und Isolde‘ vielleicht drei bis vier Mal am Tag. Aber als Interpretin fühle ich mich im Moment noch nicht bereit dazu, solche Musik zu spielen“, das sagte Lise de la Salle noch 2017 in einem Interview. Jetzt ist sie es – bereit und pianistisch absolut in der Lage, einen hoch sensiblen Klang-rausch einzufädeln und stringent aufblühen zu lassen.

Rubriklistenbild: © Ansgar Klostermann

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