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Solange Knowles bei der Met-Gala 2018.

CD

Sehen, was ist, und Besseres erträumen

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„When I Get Home“, das bemerkenswerte neue Album von Solange Knowles.

Die Erwartungen waren hoch. Immerhin veröffentlichte Solange Knowles mit „A Seat at the Table“ vor drei Jahren das Album zur Stunde und einen popmusikalischen Meilenstein in der Zeit eines wiedererstarkenden politischen Konservatismus mit rassistischer Ausrichtung. Angela Davis, eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger, hatte anlässlich von Knowles’ Auftritt bei der Gegenveranstaltung zur Amtseinführung von Donald Trump im Jahr darauf erklärt: Dies sei „die Frau, die uns dabei helfen wird, die Hymnen unseres Widerstands zu produzieren“.

Eben darauf jedoch möchte sich Solange Knowles offenkundig nicht festlegen lassen. Zugespitzt gesprochen, bietet „When I Get Home“, ihr viertes Werk, ein karg instrumentiertes Singer/Songwritertum, mit anderen Mitteln allerdings. Sozusagen Joni Mitchell – an die man sich im Tonfall wie auch durch eine untergründige Affinität zum Jazz erinnert fühlt – im Gewand einer zukunftsweisenden Spielart von R&B.

Am Anfang steht eine Nummer mit nichts als der mantrahaften Wiederholung einer einzigen Zeile: „I saw things I imagined“. Das klingt nach dem Traum von einer besseren Welt. „My Skin My Logo“ – das Leben als schwarze Frau in den USA ist das zentrale Motiv. „A Seat at the Table“ klagt Rassismus an, in „When I Get Home“ geht es um weiblich-schwarzes Selbstbewusstsein, um die Besinnung auf die schwarze Tradition und die Verwurzelung in der Heimatstadt Houston, Texas. Die Nummern sind selten mehr als drei Minuten lang. Die kurzen eingestreuten Gesangs- und Sprachschnipsel dazwischen sind Samples weiblicher afroamerikanischer Identifikationsfiguren wie der Schauspielerin Debbie Allen und der feministisch motivierten Dichterin Pat Parker.

Die Musik ist sublim schlicht. Und zugleich produktionstechnisch aufpoliert nach dem zeitgenössischen Standard. Sparsam sind ostinate elektronische Soundakzente gesetzt. Die Texturen mit ihren flächenhaften Synthiesounds, Fender-Rhodes-Piano erinnern an die schwarze Musik in den siebziger Jahren – Stichworte: Marvin Gaye und Stevie Wonder. Wir haben es aber mit einer traditionsbewussten Fortschreibung auf der Höhe der Zeit zu tun. Manche Nummern, wie „Dreams“, fließen in verhangener Atmosphäre dahin, die entfernt an den TripHop der neunziger Jahre erinnert.

Das Album summiert sich auf vierzig Minuten – das Idealmaß der Vinylära – von außerordentlicher Dichte. Es wirkt so in sich geschlossen, dass es einen verblüfft zu vernehmen, was für eine – genreübliche – Unmenge an Produzenten und Mitautoren und Musikern daran beteiligt ist. Bloß ein paar Namen: die Trap-Musiker Gucci Mane und Playboi Carti, Rapper wie Devin the Dude und Tyler the Creator sowie Dev Hynes von Blood Orange und Pharrell Williams undsoweiterundsofort. Beinahe schon könnte man sagen: zum Glück spürt man sie gar nicht. Jedenfalls hat nicht jeder einer Nummer erkennbar seinen Stempel aufgedrückt. Das klingt alles sehr persönlich und spirituell.

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