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Scorpions-Motor dreht zuverlässig

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Klaus Meine macht Gymnastik.
Klaus Meine macht Gymnastik. © AFP

Scorpions-Sänger Klaus Meine schont bei seinem Auftritt in der Frankfurter Festhalle zunächst seine Stimme noch ein wenig. Am Ende ist sie voll da.

Von Volker Schmidt

Im Hintergrund tuckern die Motorenzylinder. Was zum Instrumental „Coast to Coast“ auf der LED-Wand erscheint, könnte das Motto der Scorpions illustrieren: läuft und läuft und läuft. Dabei hatten die Hannoveraner 2010 bekannt gegeben, sich nach der anstehenden Welttournee auflösen zu wollen. 2013 kam der Rücktritt vom Rücktritt, jetzt sind sie auf Jubiläumstour, 50 Jahre nach Bandgründung.

Im Frühjahr zog Sänger Klaus Meine sich eine Kehlkopfentzündung zu, die Hallentour durch Deutschland musste unterbrochen werden. Beim Nachholtermin in der Festhalle schont er seine Stimme wohl noch ein wenig, holt Atem an Stellen, die er früher durchgesungen hätte. Dass die gewohnt hohe, immer schon metallisch gepresste Intonation bei den ersten Songs manchmal ins mickymausige changiert, kann aber auch an der berüchtigten Festhallenakustik liegen.

Der neue Drummer kann es

Der neue Drummer tut der Band unheimlich gut. Mikkey Dee kommt von Motörhead, deren Song „Overkill“ die Scorpions vor Bildern des verstorbenen Motörhead-Masterminds Lemmy Kilmister covern. Es folgt ein ausgiebiges Schlagzeug-Solo auf einer in luftige Festhallenhöhen gezogenen Hebebühne. Dazu erscheinen Alben-Cover aus der Bandgeschichte, allerdings ohne das wegen eines nackten Mädchens kritisierte „Virgin Killer“.

Eine Spur versoffenes Motörhead-Metalpunkgeprügel legt im insgesamt eher cleanen Scorpions-Hardrock verborgene Power frei. Die Band liefert aber auch sonst vom Opener „Going Out With A Bang“ vom jüngsten Studioalbum über die New-York-Ode „The Zoo“ von 1980 bis „Big City Nights“ von 1984 den riffigen Beweis, dass sie nicht nur die Powerballaden kann, mit denen sie meist im Radio zu hören ist.

Alt-Fans rufen die Scorpions ihre frühesten Zeiten mit einem 70er-Jahre Medley aus „Top Of The Bill“, „Steamrock Fever“, „Speedy’s Coming“ und „Catch Your Train“ in Erinnerung. „Damals waren wir froh, wenn unser Van über die Kasseler Berge kam, ohne dass der Keilriemen gerissen ist“, sagt Meine. Inzwischen hat Schenker den VW-Konzern zu einem mit Airbrush-Skorpion und motorisiertem Stachel verzierten Amarok-Pickup inspiriert.

Von der Bühne, auf der Drummer Dee erhöht über den Gitarristen Rudolf Schenker und Mathias Jabs, Meine und Bassist Pawel Maciwoda thront, ragt ein Steg ins Publikum. Auf dem geben die Scorpions ein Akustik-Set zu Gehör. Es folgt „Wind Of Change“, die großartigste aller Glasnost-Hymnen und das wohl beste Songwriting, das Klaus Meine je abgeliefert hat. Große Teile des Refrains darf das Publikum singen.

Die Scorpions spielen ein schnörkelloses Set, Spielereien wie ein Trockeneis-Nebel verströmender Auspufftopf an Schenkers Gitarre halten sich in Grenzen. Die Schellenkränze, die Meine immer mal drischt, dienen vor allem als Vorwand, um alle paar Sekunden Drumsticks ins Publikum zu werfen.

Die Balladen „Still Loving You“ und „Holiday“ hebt sich die Band ebenso für den Zugabenteil auf wie das treibende „Rock You Like A Hurricane“. Jetzt ist Meines Stimme voll da, der Scorpions-Motor dreht zuverlässig wie ein Erzeugnis aus dem VW-Werk nahe Hannover. Ganz ohne Diesel-Mogelei.

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