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Gitarrist Pat Metheny in Frankfurt, mit Linda Oh am Bass, Gwilym Simcock am Klavier und Antonio Sanchez am Schlagzeug.

Jazz in Frankfurt

Schwirrend und flirrend

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Der Virtuose Pat Metheny taucht in der Alten Oper tief ein in die Geschichte der Gitarre.

Ansagen? Fehlanzeige. Nicht mal ein eigenes Mikro dafür gibt es. Zweimal an diesem Abend greift Pat Metheny sich das über dem Flügel, stellt knapp die Band vor. Beim ersten Mal sagt er auch noch, dass er gern in der Alten Oper spiele (es ist sein 15. Besuch, wenn wir richtig zählen). Das war es an Dialog, der Rest ist Musik.

Zum Auftakt improvisiert Metheny auf seiner Pikasso-Gitarre, einer mit der kanadischen Gitarrenbauerin Linda Manzer erdachten Skurrilität mit 42 Saiten auf diversen Hälsen. Schwirrend und flirrend klingt das, wie so vieles im Songkatalog des 20-fachen Grammygewinners.

Der Grundton des Abends ist jedoch ein anderer: Meist mit der jazztypischen Halbakustischen, mit Linda May Han Oh am Kontrabass und Gwilym Simcock am klassischen Flügel, taucht Metheny tief ein in die Geschichte seines Instruments, paddelt hinunter zu seinem Jugendhelden Wes Montgomery, dessentwegen er von der Trompete zur Saite ging. Ob Klein-Pat damals, in Lee’s Summit, Missouri, in den 60ern, auch schon die Ringelpullis trug, die er neben der Lockenmähne zu seinem Markenzeichen gemacht hat?

Gelegentlich hebt der Gitarrist – der „Evening with Pat Metheny“ ist als „Werkschau“ apostrophiert – Relikte aus anderen Schaffensphasen, verweist auf das noisige Album „Zero Tolerance for Silence“, lässt die Vollelektrische schneidend wimmern oder liefert sich ein Latino-Duett mit dem Bass. Auch Drummer Antonio Sanchez und Pianist Simcock stehen mal allein mit dem Bandleader auf der Bühne. Es sind gerade die Mitmusiker, die frische Scheiben von gut abgehangenen Stücken raspeln. Das Konzert setzt auf Tempo, weniger auf die ruhigen Nummern, die auf chilligen Spotify-Playlisten stehen. Wenn der Chef im Handbuch für Hochgeschwindigkeits-Skalenimprovisation versinkt, halten Simcocks harte Akkorde und Sanchez’‘energetische Wirbel die Spannung.

In treibenden Fusion-Stücken – Linda May Han Oh nimmt den E-Bass vor – ist das am deutlichsten zu beobachten: Das einst so moderne Genre müffelt, wenn keine frische Luft hineinkommt, und für die sorgen die jungen Kollegen des Altmeisters. Der will nirgendwo mehr hin, er war schon überall, solo, mit Pat Metheny Group oder Unity Band oder als Filmkomponist.

Wenn man es – als einer von nur vier Gitarristen – in die Hall Of Fame des „Downbeat“-Magazins geschafft hat, ist man angekommen. Jazz lebt aber vom Unterwegssein. Klug, dass Metheny sich entdeckungsfreudige Weggefährten gesucht hat. Das hält fit: Nach pausenlosen fast zweieinhalb Stunden ist das Saallicht schon an, aber das Publikum erklatscht eine Zugaben nach der anderen.

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