",Lohengrin? ist ja fast eine italienische Oper", sagt Plácido Domingo.
+
",Lohengrin? ist ja fast eine italienische Oper", sagt Plácido Domingo.

Plácido Domingo

"Schwierige Zeiten: So viele Regisseure mit so vielen Ideen, die schwer zu verstehen sind"

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
    schließen

Plácido Domingo spricht im Interview über Musik und Musiktheater, Kritiker, Disziplin, Wagner und seine Rückkehr nach Bayreuth

Herr Domingo, nach 18 Jahren sind Sie zurück auf dem „Grünen Hügel“. Was ist das für ein Gefühl?
Es ist sehr bewegend, ein sehr emotionaler Moment. Das Leben zieht so schnell an einem vorbei. Es kommt mir vor, als wäre ich gestern zuletzt hier gewesen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich mein Bayreuth-Debüt gegeben habe.

1992, als Parsifal ...
Stimmt. Und dann habe ich 2000 den Siegmund in der „Walküre“ gesungen.

Im Jahr darauf wollte der damalige Festspiel-Chef Wolfgang Wagner Sie nicht mehr einsetzen.
Es ging dabei um einen einzigen Probentag, an dem ich nicht verfügbar gewesen wäre. Ein einziger Tag! Aber, wissen Sie, Wolfgang Wagner war halt sehr fordernd, sehr strikt. Das war seine Art. Ich hatte die Zusammenarbeit mit ihm beim „Parsifal“ sehr genossen. Ich hätte auch danach sehr gern mehr Zeit hier verbracht, und – na ja – es tat mir sehr leid, dass es anders kam, aber ich habe es akzeptiert. Umso berührender ist es, jetzt zurück zu sein. Und wer käme nicht gern nach Bayreuth? Für mich ist es wunderbar, ein großes Glück.

Wie kam es dazu?
Katharina Wagner rief an und lud mich ein.

Vom Sänger zum Dirigenten – ist das für Sie eine Art Steigerung?
Ich würde sagen, es entspricht meinem beruflichen Werdegang: Ich bin Sänger, und ich bin Dirigent. Das sind die beiden Seiten meiner Karriere. Aber es ist schon ein eigenartiges Zusammentreffen, dass ich Bayreuth mit der „Walküre“ als Sänger verlassen habe und jetzt als Dirigent mit eben dieser Oper zurückkehre.

Was könnte der nächste Schritt sein?
Eines Tages vielleicht, wer weiß wann, wer weiß wo, würde ich gern den „Parsifal“ dirigieren. Und den „Fliegenden Holländer“ und den „Lohengrin“. Der ist ja auf seine Art fast eine italienische Oper.

Sie kennen alle bedeutenden Opernhäuser dieser Welt. Was ist das Besondere an Bayreuth?
Bayreuth ist ein Tempel. Es gibt kein zweites Haus, das diesem vergleichbar wäre. Da hatte ein Komponist das einmalige Glück, jemanden zu finden, der ein Musiktheater nur für ihn und für seine Werke baut. Und diesem Haus widmete der Komponist dann sein Werk – dem Umfang nach ein außergewöhnlich kleines Werk – und sein Leben. Auch so etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht noch einmal.

Bräuchten Künstler demnach heute auch manchmal ihren „Märchenkönig“ Ludwig II.?
Das wäre schon etwas (lacht). Ich meine, nehmen Sie einmal den „Parsifal“: Als Wagner diese Oper schrieb, kannte er bereits ihren Aufführungsort. Ich habe mir jetzt die Proben für die diesjährigen Aufführungen angesehen. Ich wollte bloß zehn Minuten bleiben. Es wurde eine ganze Stunde daraus. Diese Musik ist für mich einfach zutiefst berührend. Und dann das Wissen, dass es für die Chöre und auch für die Solisten traditionell eine genaue Disposition gibt, wie Wagner sie auf dieser Bühne arrangiert wissen wollte. Ich finde es faszinierend, dass Wagner beim Komponieren schon im Kopf hatte, wie viele Streicher er einmal einsetzen oder wie er die Bläser auf unterschiedlich tiefen Stufen im Orchestergraben platzieren würde, um so den einzigartigen, unverwechselbaren Klang zu erzeugen, den Sie so nur im Festspielhaus erleben können. Dieses Denken in Klangräumen ist Teil von Wagners Genie.

Wie groß ist das Risiko für einen Sänger, sich den anstrengenden Wagner-Partien zu stellen?
Könnte ich erst bitte noch einen zweiten Kaffee bekommen? Ich habe ja schon vier Stunden Proben hinter mir, und es kommen noch mal vier. Also, für mich waren die Wagner-Partien gut. Sie lagen mir in der Kehle. Lohengrin, den ich 1968 in Hamburg zum ersten Mal sang, war anfangs schwierig wegen der Sprache. Ich hatte nie zuvor auf Deutsch gesungen und brachte Monate damit zu, die Aussprache zu lernen. Im Laufe meiner Karriere hatte ich immer die Hoffnung, einmal „Tristan und Isolde“ auf der Bühne zu singen. Aber glaube, das wäre zu viel des Guten gewesen, zu anstrengend. Die Bühne, wissen Sie, kostet einen immens viel Kraft und Energie. So ist es bei einer Studio-Aufnahme geblieben.

Welches sind Ihre Lieblings-Charaktere bei Wagner?
Auch das ein merkwürdiges Zusammentreffen: Es sind genau die drei Rollen, die ich auf der Bühne verkörpert habe, nämlich Lohengrin, Siegmund und Parsifal.

Alle drei sind strahlende, aber auch gebrochene Helden, besonders natürlich der Siegmund, der im Zweikampf fällt. Hat das für Sie eine Bedeutung?
In allen drei Opern und in ihren Figuren lebt der Geist der Romantik. Nehmen Sie den Schwanenritter „Lohengrin“. Er kommt aus „weiter, weiter Ferne“ – aus dem Nirgendwo. Und dann lernt dieser Überirdische, dieser der Welt Enthobene die Liebe zu einer – sehr irdischen – Frau kennen, Elsa, die mit ihrer Zudringlichkeit am Ende alles zerstört.

Da gibt es so die eine oder andere zerstörerische Figur bei Wagner, nicht wahr?
Elsa hat es aber auch nicht leicht. Sie hat da plötzlich diesen fabelhaften, strahlenden Mann an ihrer Seite – und soll nichts über ihn wissen dürfen. Nicht seine Herkunft, nicht einmal seinen Namen. Das ist eigentlich nicht ihr, sondern Lohengrins Problem: Kaum angekommen, errichtet er vor Elsa eine denkbar hohe Hürde: (singt) „Nie sollst du mich befragen…“ Das ist das erste, was sie von ihm zu hören bekommt. Und was ist die Folge? Es macht die Frau neugierig. Natürlich, was denn sonst?

Mögen Sie Wagners Frauengestalten?
Brünnhilde im „Ring“ ist ein phänomenaler Charakter. Wirklich phänomenal. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Vater Wotan, auf dessen Befehl sie Siegmund für die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester Sieglinde töten soll, und der Sorge für eben dieses Geschwister-Paar und seine verbotene Liebe. Sie versucht, Siegmund zu schützen und übertritt damit Wotans Verbot im Wissen, dass genau das ihres Vaters geheimer Wunsch ist.

Und die muss dann die Strafe Wotans für ihren Ungehorsam erdulden.
Ja. Diese ganze Wagnersche Mythologie ist schon eigenartig. Seine Götter haben mehr Makel als jeder Mensch.

Vielleicht sind die Menschen am Ende ja göttlicher als die Götter.
In einem langen Monolog hat Wotan Brünnhilde tief in seine Seele schauen lassen. Sie ist verzweifelt, Dinge zu erfahren, von denen sie nicht die Spur einer Ahnung hatte, wie zum Beispiel von dem Ehebruch, in dem Wotan Siegmund und Sieglinde gezeugt hatte. Zu guter letzt verbietet Wotan Brünnhilde, Siegmund zu beschützen. Das ist furchtbar für sie, wirklich furchtbar. Eigentlich schade, dass Brünnhilde im weiteren Verlauf des „Rings“ nur die Rolle der schönen Frau an der Seite des großen Helden, Siegfried, zugedacht ist. Dieser Siegfried ist nun wahrlich nicht der große Held. Und dann der tragische Ausgang in der „Götterdämmerung“. Kein Happy Ending, keine Erlösung.

Welche Bedeutung für Ihre Arbeit als Dirigent hat die Inszenierung? In Bayreuth bekommen Sie es mit der skandalumwitterten, 2017 ausgelaufenen Ring-Produktion Frank Castorfs zu tun.
Die Inszenierung ist schon sehr kompliziert. Im ersten Jahr, glaube ich, haben die Leute nichts verstanden. Dann wurde es ihnen erklärt, und sie haben sich damit angefreundet. Ein bisschen so wie mit Patrice Chereaus „Jahrhundert-Ring“ von 1976. Der hat im Jahr der Premiere auch für eine Riesenverwirrung gesorgt, um ab dem zweiten Jahr als eine der besten Ring-Inszenierungen überhaupt zu gelten. Ich habe aber insgesamt das Gefühl, die wahren Wagnerianer kommen der Musik wegen nach Bayreuth. Sie schauen sich auch die Inszenierungen an, sicher. Die eine mögen sie mehr, die andere weniger. Aber irgendwie sind sie ihnen gleich. Sie haben ihre Karten und kämen nicht im Traum auf den Gedanken, sie fallenzulassen – einer Inszenierung wegen. Ihnen geht es um die Musik, um den Sound, den dieses Genie Wagner ins Festspielhaus zaubert. Dafür wünschen sie sich die bestmögliche Sänger-Besetzung, die bestmögliche musikalische Darbietung.

Und Sie treten an, diesen Wunsch zu erfüllen
Als Operndirektor geht es mir in meiner Arbeit schon auch sehr um die Inszenierungen. Aber was soll ich Ihnen sagen? Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass man den meisten Kritikern nicht mit etwas kommen darf, das nach Tradition aussieht. Die wollen das nicht. Die wollen immer eine Offenbarung, die Innovation, das noch nie Dagewesene. So kommt es, dass auf den Bühnen so allerlei passiert. Wir leben halt in schwierigen Zeiten – so viele Regisseure mit so vielen Ideen, die schwer zu verstehen sind. Aber wir bemühen uns, sie zu verstehen, und die Regisseure bemühen sich, sie uns zu erklären. Was die aktuelle Bayreuther „Walküre“ betrifft, bekam ich gesagt, es gehe um den Ölrausch des 19. Jahrhunderts, den Castorf nach Aserbaidschan verlegt. Ich kann das nachvollziehen. Schwierig finde ich die große Fülle von Video-Einspielern. Ich habe die Sorge, dass das die Sänger bei ihrer Einfühlung in die Musik ablenkt und durcheinanderbringt. Da weiß ich als Sänger, wovon ich rede. Aber es ist nicht an mir, das Regie-Konzept insgesamt zu kritisieren, zumal ich ja nicht mehr den ganzen Ring vor mir habe.

Sind Sie Dirigent geworden, weil Sie auf der Bühne nicht mehr von den Regisseuren und ihren „Ideen“ behelligt werden wollten?
Nein, nein. Ich dirigiere nun schon so lange, dass das Teil meines künstlerischen Selbst ist. Aber bekäme ich es als Dirigent je mit einer Inszenierung zu tun, von der ich den Eindruck hätte, das geht für mich gar nicht, dann würde ich sie eben nicht dirigieren. Ich war gelegentlich kurz davor. Aber das ist ja auch nicht so einfach: Sie steigen in den laufenden Probenbetrieb ein, die Leute haben ihre Karten längst gekauft – und dann alles hinschmeißen? Schwierig! Umso wichtiger finde ich ein gutes Verhältnis zu den Regisseuren, so dass man im Vorhinein abschätzen kann, was auf einen zukommt, gerade wenn es mutmaßlich mit Problemen verbunden ist.

Gerade die „Walküre“ ist historisch belastet. Die Nazis untermalten damit zum Beispiel die Kriegsberichte der „Wochenschau“. Stört Sie das nicht?
Ich verstehe die Vorbehalte und Widerstände. Zweifellos hat Wagners Musik für politische Zwecke herhalten müssen. Aber ich denke nicht daran, wenn ich seine Opern aufführe. Ich nehme sie rein als Kunst. Dass diese Musik einer ... bestimmten Person gefallen hat – nun, was wollen Sie dagegen tun? Ich frage auch nicht danach, was und wie Wagner als Mensch war. Vielleicht waren Beethoven oder Brahms oder wer immer auch keine netten Zeitgenossen. Wichtig ist mir Wagner als musikalisches Genie, dessen Erfindungen so viele andere Komponisten beeinflusst haben und so vielen Menschen zu Herzen gegangen sind.

Was sind in der „Walküre“ Ihre Herzens-Momente?
Schwer zu sagen ... „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ am Ende des ersten Akts ist ein Apotheose der Liebe zweier Menschen. Man redet ja viel von Wagners musikalischer Verherrlichung der Liebe in „Tristan und Isolde“, speziell in den Duetten der beiden Titelfiguren. Ich finde, diese 20 Minuten Walküre stehen dem in nichts nach. Ganz großartig sind aber auch die Szenen zwischen Wotan und Brünnhilde mit ihrem Ringen „auf Leben und Tod“, und natürlich die „Todesverkündigung“ Brünnhildes an Siegmund mit dem Einsatz der Wagner-Tuben (singt das zugehörige Leitmotiv): erst langsam, dann immer schneller – eine musikalisch unglaublich dichte Szene.

Herr Domingo, Sie gelten als ein Ausbund an Disziplin. Welche Opfer bringen Sie der Kunst im täglichen Leben?
Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich tue. Das Singen, das Dirigieren so großartiger Musik – ich empfinde das als ein Privileg, für das ich gar nichts „opfern“ muss. Von ein paar Dingen abgesehen vielleicht. Ich hatte am Tag des ersten WM-Halbfinales eine Probe. Hätte Spanien gespielt, wäre es mich schon hart angekommen, nicht zuschauen zu können. Aber den Probenplan hätte ich dafür nicht geändert.

Zu wem haben Sie denn nach dem Ausscheiden der Spanier gehalten?
Wissen Sie was? Mir hätte ein Endspiel Kroatien – Belgien gefallen. Die beiden einzigen verbliebenen Mannschaften, die noch nie zuvor einen WM-Titel gewonnen hatten.

Aber nochmal zurück zur Disziplin…
Disziplin muss sein, keine Frage. Und sie fällt auch mir nicht immer leicht. Wenn ich mit meinen Kindern und Enkelkindern in Urlaub bin und mich für drei, vier Stunden ans Partiturstudium mache – einfach, weil es nicht anders geht -, dann gibt es immer diesen Moment, in dem ich mir wünschte, das jetzt nicht tun zu müssen.

Und was tun Sie, wenn Sie nichts tun müssen? Musik hören?
Musik ist Teil des Arbeitens und Studierens. Freizeit – das sind die Zeiten mit der Familie, natürlich. Und die großen Sportereignisse: die Fußball-WM, die Formel 1, die bedeutenden Tennis-Turniere. An Tagen, an denen ich nicht singe, habe ich Sport im Kalender.

Voriges Jahr haben Sie Ihr 50. Bühnenjubiläum gefeiert. Einem Kollegen haben Sie erzählt, Sie hätten vor, nach Santiago de Compostela zu pilgern.
Oh ja, das war der Plan! Und ich habe es wieder nicht geschafft. Das Jakobsfest am 25. Juli steht jetzt wieder kurz bevor – und ich kann auch dieses Jahr nicht dabei sein, weil ich in Madrid für Jules Massenets Oper „Thais“ probe.

Haben Sie eigentlich noch einen Rollen-Wunsch in petto?
Eines Tages, vielleicht, möchte ich den Amfortas singen.

... wieder „Parsifal“.
Oder den Wolfram von Eschenbach im „Tannhäuser“ – eine wunderbar lyrische Partie. Sie sehen, es gäbe noch so viele. Warten wir ab, was geschieht. Ein paar Jahre bleiben mir ja noch, wenn sich meine Stimme wohlfühlt. Sonst ist es eben Zeit aufzuhören – jedenfalls mit dem Singen.

Stimmt es, dass Sie vor jeder Aufführung zur heiligen Cäcilia, der Patronin der Musik, und zum heiligen Blasius beten, der vor Halskrankheiten bewahren soll?
Ja, und bis heute haben sie mich gut beschützt.

Interview: Joachim Frank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare