Auch Musikerinnen und Musiker haben in ihrer Kunst immer wieder die Fäuste gehoben.
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Auch Musikerinnen und Musiker haben in ihrer Kunst immer wieder die Fäuste gehoben.

Rassismus

Schwarze Protest-Songs: „Die Polizei liest auf meiner Haut“

  • vonPhilipp Kause
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Schon seit den 60er Jahren meldeten sich schwarze Musikerinnen und Musiker auch mit Protestsongs zu Wort.

Ein einmaliges Gemisch brodelt da 2020, während sich auf den ersten Blick Geschichte zu wiederholen scheint, es mischen sich Déjà-vu und eine neue Beharrlichkeit. Musik-Acts weisen seit den 1960er Jahren stetig auf rassistische Polizeigewalt hin. Im Schwung der Bürgerrechtsbewegung hoben einige Songwriter im Soulumfeld das Thema ins künstlerische Umfeld. Trotz der Corona-Krise aber ist Polizeibrutalität jetzt erstmals wieder ein Thema mit Nachbrenneffekt.

Musik muss als Sprachrohr präsent sein, sie hat auch durchaus eine lange Tradition im Anprangern. Drei gute Gründe sorgen dafür, dass Musik den richtigen Platz für die Aufarbeitung des Rassismus, der Ungerechtigkeit und der sozialen Missstände darstellt. Zum einen bietet Musik in Lebenslagen, die wir nicht kontrollieren können, die Chance auf seelischen Beistand. Da sind die Melodien, die noch mehr vermitteln können als die Songtexte für sich allein, eine Emotionalität, unfassbarer als in der Literatur, verdichtet und vielschichtig.

Im Auge des „weißen Mannes“

Einen weiteren Grund gibt es für die Musikbranche, Zivilcourage zu zeigen, einen musikhistorischen. Denn die meisten der Vorfälle von Polizeibrutalität, wenn auch nicht alle, richten sich gegen Menschen afroamerikanischen Phänotyps. Unglaublich viele Musikrichtungen aber verdanken ihre Entstehung der Black Community. Auch wenn diese oft genug keine Gemeinschaft ist, eher ein Konstrukt im Auge des „weißen Mannes“. Von Gospel, Blues und Jazz ausgehend lassen sich Swing, Doowop, Rhythm’n’Blues, Rock’n’Roll usw. usf. der Black Music zuordnen. Nicht nur Nischengenres, auch ein Großteil des Mainstreams wurzelt in den Offbeats und Blue Notes einer Bevölkerung, die sich der Musik als Mittel zum Überleben der Sklaverei bediente.

Der erste Wellen schlagende Song über ein Polizeiattentat auf einen Schwarzen, zudem Minderjährigen, heißt „Harlem“ und schlummert zunächst jahrelang in der Schublade. Das Lied stammt von einem bei Weißen sehr beliebten Afroamerikaner: Bill Withers. Ihn inspirierten die „Riots“ in der New Yorker Bronx dazu, überhaupt Musik zu machen. Sein allererstes Stück behandelt einen Vorfall im Juli 1964, als der 15-jährige James Powell von einem Polizisten erschossen wurde. In der zuerst „Three Nights and a Morning“ betitelten Urfassung findet sich 1967 die Textsequenz: „Sommernacht in Harlem, Mann, es ist echt heiß! Es ist zu heiß, um zu schlafen und zu essen. Es ist mir egal, ob ich sterbe oder nicht!“. Später entwickelte Withers daraus die Medley-Hymne „Harlem/Cold Baloney“. Fast 14 Minuten, von denen in der Carnegie Hall fünf Minuten lang das Publikum den Gesang übernahm – Withers traf einen Nerv.

Die innere Kolonialstruktur in den USA

Von Sly Stone gibt es eine ganze Platte über den Aufstand der Bevölkerung gegen die Hautfarbendiskriminierung. Der Funkmusiker erlebte bei einem seiner Konzerte 1970 einen brutalen Polizeieinsatz mit mehr als 100 Verletzten. Das kurze Zeit danach erschienene Album „There’s a Riot Goin’ On“ klingt düster, die Frontabbildung zeigt eine US-Flagge. Markant ist auf der LP das Opus „Africa Talks To You – The Asphalt Jungle“, Wah-Wah-Gitarren bäumen sich zur Kakophonie auf. Im Nachhinein erscheint das Album als Dystopie. In der Zeit der Entkolonialisierung Afrikas wittert Sly eine innere Kolonialstruktur in den USA, mit den Schwarzen als Kolonialisierten.

Eher ein hoffnungsvoller Analytiker war Curtis Mayfield. Dem oft mitschwingenden Argument, Menschen afroamerikanischen Phänotyps seien statistisch häufiger und tiefer in Kriminalität verstrickt als Hellhäutige, begegnet er in einem Interview 1972. Nur mit Verständnis könne man etwa Drogenkriminalität bekämpfen, meint Mayfield. Denn da gebe es undurchsichtige Kreisläufe, die wieder neue Situationen hervorbrächten, aus denen sich schwer ausbrechen lasse. Der Filmklassiker „Super Fly“ mit der Musik von Mayfield überspitzt dies in der Figur eines Drogendealers, der aussteigen will.

Schwarze Protest-Songs: „Die Polizei liest auf meiner Haut“

Mayfield nennt die Polizei nicht, aber seziert messerscharf das soziale Koordinatensystem großer US-Städte. „The Other Side Of Town“ handelt von innerstädtischer Segregation, „We the People Who Are Darker Than Blue“ vom Rufmord an dunkelhäutigen Bürgern und Bürgerinnen. „Miss Black America“ persifliert den Pathos der US-amerikanischen Identität als „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Nation in Verbindung mit dem realen Bruch ihrer Freiheitsversprechungen, wenn Äußerlichkeiten über Chancen entschieden. „Gott segne Frau ‚Schwarz-Amerika‘, ihr seid wunderbare Menschen und so wunderschön gleich“, ironisiert der Sänger 1970.

Im selben Jahr nehmen Donny Hathaway und Leroy Hutson den Song „Tryin’ Times“ über Demos gegen Polizeibrutalität und die Ungleichheit in der Städteplanung auf. Auf der LP „Free Will“ von Gil Scott-Heron findet sich die Geschichte des Fred Hampton. Der Bürgerrechtsaktivist war in gar keine handgreifliche Situation geraten, sondern schlief, als die Polizei ihn, 1969, aufsuchte – und umbrachte. Und nicht einmal angeklopft hatte: „No Knock“ lautet der Songtitel.

Bob Marley über Gangkriege in Kingston 

Im Reggae äußert sich Bob Marley im Song „Rat Race“ seiner Ehefrau Rita in umgekehrter Perspektive zum Anschwellen der Gewalt in Kingstons Gangkriegen, denen die mitunter korrupte Polizei machtlos gegenübersteht. Fast geht Marley drauf, als ein Mordanschlag auf ihn verübt wird. Max Romeo kritisiert die Polizei auf der Karibikinsel Jamaika bereits 1971 in „Black Equality“ scharf, weil sie weiße Kriminelle entkommen lasse.

Nicht immer aber ist einfach Rassismus der Grund für ungerechtes oder brutales Handeln der Polizei. Der Song „Guns Of Brixton“ von The Clash tritt zwar für die im Londoner Stadtteil Brixton lebenden Menschen afrokaribischen Einwanderungsbackgrounds ein. Die tatsächlichen Riots dort Anfang der 80er Jahre, denen der Song prophetisch vorauseilt, waren vielschichtiger. Die Polizei im punkerschütterten England stützte sich auf ein neues Polizeigesetz, das allgemein ein härteres Vorgehen legalisierte.

Ganggewalt und Diskriminierung durch die Polizei

Eines der frühen Stücke von Bob Marleys Sohn Ziggy zieht 1986 in „Police Brutality“ eine freche Parallele zwischen der Polizei in US-Metropolen und der Apartheid in Südafrika und erkennt somit in den angeblich tragischen Einzelfällen ein gewolltes System. Insbesondere aber geht es dann in den 80ern und vor allem 90ern um Vorurteile, die zu vermehrten Kontrollen an afroamerikanisch aussehenden Menschen führen. „AmeriKKKa’s Most Wanted“ heißt ein Hip-Hop-Konzeptalbum von Ice Cube, das in unaufhaltsamen Wortkaskaden den Zusammenhang von Wirtschaftspolitik, Segregation, Teenagern mit Zugang zu harten Drogen, Ganggewalt, Diskriminierung durch die Polizei und Selffulfilling Prophecies nachzeichnet. Die drei großen K im Albumtitel stehen für den Ku Klux Klan und spielen darauf an, dass Menschen im Alltag, wenn sie aus der „verkehrten“ Wohngegend stammten, wie Angehörige einer terroristischen Vereinigung behandelt würden.

Fühlen sich Menschen durch den „Freund und Helfer“ geschützt? 

Dabei wird eine Thematik laut, die schon einmal bei Scott-Heron anklang: Fühlen sich diese Menschen denn überhaupt je geschützt, für die „dein Freund und Helfer“ nur ein Feind ist, ein Kontrolleur? Jemand, der sie infrage stellt?

Der Track „Illegal Search“ des Rappers LL Cool J geht dieses Thema noch vergleichsweise entspannt-ironisch an, während im szenisch getexteten „Officer“ von The Pharcyde 1992 die Nuancen in der Wortwahl entscheiden: „Four black niggas ridin’ through the neighborhood“. Vier Jungs halten mit ihrem Auto den Verkehr auf, erzählt aus dem Blickwinkel eines über allem schwebenden Erzählers. Als die Jungs in ihrem Auto die Polizei sehen, wechselt der Pharcyde-Rapper ins „wir“. Sobald sich der Polizist dann dem lediglich ordnungswidrig gesteuerten Fahrzeug nähert, springt der Song vor Schreck in die „Ich“-Perspektive und beschreibt, wie das Herz rast. Denn, diese Lektion hat man als „Nigga“ intus: Auch für Nichtigkeiten droht Gefängnis. Polizisten können Existenzen und Familien zerstören.

Washington: Eine gefährliche Metropole 

Bei The Pharcyde herrscht aber noch der Humor vor. Anders als 1996 bei der ersten weiblichen Stimme, die zum Thema laut wird. Tanya Pointer, damals 25, nennt sich Nonchalant, also „nicht aus der Ruhe zu bringen“. Stoisch rappt sie ihre Eindrücke herunter und lässt kein gutes Haar an der Sicherheit in der Hauptstadt. Um 5 Uhr früh sei es schwierig, sich durch Washington zu bewegen, teilt sie der Welt im atmosphärischen „Five O’Clock“ mit. Ihre Realität: Zeilen zu den Kriminalitätsstatistiken, zum Waffenschmuggel, Leuten, die an einer Überdosis verenden und einem gar nicht sichtbaren Staat in der Ära, als Crack, eine gerauchte Kokainabspaltung, in den USA viele Opfer fordert. Von der Polizei fühlt sie sich da nicht geschützt, und ja, sie müssten eben viel schneller durchgreifen, schimpft sie in „Lights’n’Sirens“ und macht sich damit auch zur Außenseiterin im Rap-Business.

In den 2000er Jahren dann ragen die Songs über Amadou Diallo heraus. Vier Beamte gaben 41 Schüsse auf ihn ab. Wyclef Jean und Youssou N’Dour vertonten den Vorfall als siebenminütige Hörcollage, „Diallo“, Bruce Springsteen titelte „American Skin (41 Shots)“.

In Frankreich brannten Ende 2005 die Vorstädte. In der Musik sah man die Vorfälle durchaus kommen. Ob MC Solaar als „Gangster Moderne“, die Psy4 De La Rime aus Marseille oder die Saïan Supa Crew – sie alle machten längst Songs über das, was da in den Banlieues gärte, als die Politik die Thematik wegwischte. In „Polices“ textet die Saïan Supa Crew „Die Polizei liest auf meiner Haut ‚das ist ein Schwarzie‘, zu dem man nicht höflich sein muss“.

Die Mitschuld der afroamerikanischen Community

International gewinnt in den Folgejahren der Rap an Bedeutung, verliert aber mitunter an Inhaltsreichtum. Doch der Frust sitzt tief, so dass im sechsten Amtsjahr eines schwarzen US-Präsidenten das Thema neue Brisanz erfährt. Als im Juli 2014 in New York Eric Garner von einem Polizisten erwürgt und Anfang August Michael Brown in Missouri erschossen wird, meldet sich Kendrick Lamar mit dem nachdenklichen Stück „The Blacker the Berry“ zu Wort. Agent Sasco und er rollen das Thema in jenem überlangen Stück kontrovers auf.

Denn sie geben der afroamerikanischen Community eine Mitschuld. Wenn man sich wehleidig, selbsthassend in einer Opferrolle festbeiße und auch untereinander nicht zusammenhalte, dann mache man sich selbst zur Zielscheibe, so der Tenor des Songs. Bei der Grammy-Verleihung 2015 sorgt die Aufführung des Songs für Schlagzeilen, das folgende Album „To Pimp a Butterfly“ setzt ein Zeichen. So kann es nicht weitergehen. Agent Sasco, Dancehall-Musiker aus Jamaika, erzählt im Interview von einem Programm namens „We Transform“, an dem er in seiner Heimat mitwirkt. Es soll jugendliche Straftäter dazu bringen, sich über ihren eigenen Wert und denjenigen für die Gesellschaft bewusst zu werden.

Agent Sasco fasst das so zusammen: „Es geht um die Perspektive. Wenn wir, auch mit Musik, Menschen dazu bringen, Dinge anders wahrzunehmen, kann sich in der Wirklichkeit eine Menge ändern. Darum geht es mir auf meinem Album ,Hope River‘.“

Respekt statt Gewalt?

Bezogen auf Jamaika, verallgemeinerbar für alle Länder, meint der Musiker: „Die Statistik sagt, dass 85 Prozent der Jugendlichen, die sich in einem ‚Detention Center‘ für minderjährige Straftäter befinden, als Erwachsene wieder ins Gefängnis gehen werden. Jede Nation, die halbwegs gesund denkt, wird so eine Statistik reduzieren und diesen Mechanismus umkehren wollen.“

Die Gegend um den Hope River, wo der 1982 geborene Sänger herstammt, bietet ein bisschen Landwirtschaft, die ein oder andere heruntergekommene, chinesisch aufgekaufte Aluminiumfabrik, ansonsten nichts, Tourismus kaum. Es bleiben hier vor allem vier Möglichkeiten: als Beamter selbst Teil des Staates werden, Auswanderung (meist in die USA), eine Musikkarriere oder Drogenhandel. Viele rutschen auf die schiefe Bahn. Agent Sasco kennt die sich selbsterfüllenden Prophezeiungen aus dem Bildungssystem und erinnert sich: „Es gab Szenen in der Schule, wo Lehrer uns Schülern sagten, ‚du wirst sowieso im Gefängnis enden, wie dein Vater‘. Wenn du so etwas oft genug hörst, fängst du irgendwann an, das über dich selbst zu glauben.“

Die Polizei als Freund und Helfer? Respekt statt Gewalt? Im Juni 2019 ertrinkt in Frankreich der 24-jährige Steve Caniço unter ungeklärten Umständen, er war Passagier eines Partyschiffs. Die Beamten prügeln mit Knüppeln, feuern auf die Gäste mit Gummigeschossen und Tränengasgranaten, bis viele über Bord springen oder fallen, 14 Personen. Caniço konnte womöglich nicht schwimmen – und wurde so ein weißes Opfer von Polizeigewalt. Die Justiz ermittelte wegen Totschlags.

Die Dubgruppe Trinity macht darüber einen Song, in dem sie die „Police Brutality“ mit harten Basstrommelschlägen vorführt. Es ist immer wieder wichtig und richtig, jenseits der Hautfarbe, dass Musik zu so einem Thema das Wort ergreift.

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