Museumskonzert

„Die Schöpfung“ von Haydn: Wie am ersten Tag

  • schließen

Eine scharf markierte Haydn-„Schöpfung“ im Museumskonzert in der Alten Oper.

Die Erschöpfung der Welt“ – das war ein Werk des vor 12 Jahren verstorbenen Mauricio Kagel, dessen ironisch-lakonische Weltsicht auf die beschränkten Glücks- und Heilsmöglichkeiten der menschlichen Gattung und ihrer lebensweltlichen Basis in Joseph Haydns „Die Schöpfung“ seine reizvolle und ausschlachtbare Kontrastfolie hatte. Hier, in dem 1798 entstandenen Oratorium, das von fast szenischem Atmosphären-Beginn, über illustrativen Naturlaut, Rezitative, Arien, Ensembles, Chormanifestationen bis zu Fugen und Hymnen nichts auslässt, was, zumal im London Georg Friedrich Händels, an der Tagesordnung war, herrscht bis auf die Stunde Null, als die Erde noch wüst und leer war, eitel Sonnenschein. So wie der Herr so ’s Gestirn und auch ’s Gscherr, möchte man sagen: Anfang gut – alles gut.

Die Sonne, das alltägliche, lebensspendende Element hat da einen besonderen Platz und natürlich das Menschenpaar als Mit- und Weiterschöpfer. Keine Erbsünde des Menschen (theologisch), kein Mängelwesen Mensch (anthropologisch) stört die rousseauistisch anmutende Weltsicht, wo von Natur aus alles gut ist und sich schnell der freimaurerische Unterton erfassen lässt. Mozarts Zauberflötentöne sind hier präsent und ein pastorales Idyll aufklärerischer Ambition.

Betulichkeit und himmelhochjauchzende Dynamik in eins – das ist der Eindruck dieses fast zweistündigen Werks, mit dem die Museumskonzerte in Frankfurts Alter Oper das neue Jahr begrüßten. Ohne Pause konnte man den mäandernden musikalischen Gängen durch die Weltharmonie folgen, die Haydn abwechslungsreich gestaltet hat. Dichtere, anspruchsvollere Passagen wechseln sich mit populären, volkstümlich anmutenden ab. Und mit dem harmonischen Durchbruch in strahlendem Fortissimo-C-Dur aus dämmerndem Dunkel („Es werde Licht! / Und es ward Licht“) ist ein Topos ans Tageslicht gekommen, der seitdem in allen möglichen tieferen und flacheren musikalischen Gewässern als Fontäne dient.

Das Museumsorchester stand unter Leitung seines Chefdirigenten Sebastian Weigle, dessen Akzente deutlich ausfielen, bei knapper Diktion und Profiliertheit des Ganzen. Behäbigkeit und Idyllik im vordergründigen Sinne waren nicht zu bemerken. Das lag nicht zuletzt an der vergleichsweise kleinen Orchesterbesetzung, die sich bei den Streichern vibratolos, in den Bläsern und der Pauke scharf markiert zeigte.

Natürlich ist „Die Schöpfung“ ein Muss für die vier großen Oratorienchöre Frankfurts. Aber sie ist auch ein Kann, denn die Stimmen von Cäcilien- und Figuralchor, Kantorei und Singakademie haben die Kraft und höhen- und tiefenkompatible Reichweite sowie die Geschmeidigkeit, um den verschiedenen Schöpfungs-Temperaturen zu entsprechen. Phänomenale Aufschwünge und Fortissimo-Setzungen wie am ersten Tag!

Solistisch waren die drei an der Frankfurter Oper singenden Florina Ilie (Sopran) sowie AJ Glueckert (Tenor) und Anthony Robin Schneider (Bass) trefflich und fast sofort mit ihrem ganzen Können im Spiel. Das Publikum sah, dass alles gut war und jubilierte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion