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Wollen niemandem zu Gefallen sein: Summer Cannibals.

Alben von I don't cares und Summer Cannibals

Schöne Schleicher

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Womit die höllische Jukebox befeuert werden wird: The I don’t cares und Summer Cannibals mit neuen Aufnahmen.

Das sind Songs für die Jukebox, 16 Singles am Stück. Formate, die kaum die klassischen zwei oder drei Minuten Spieldauer überschreiten und als „Wild Stab“ von einem kleinen Label veröffentlicht wurden. Perfektion ist nicht angestrebt, große Erwartungen hegt hier niemand. Die Zeiten sind mittlerweile andere, Jukeboxen längst außer Betrieb, Singles eher einsam, still.

Gleichwohl. Den „Wild Stab“ verantworten zwei Musiker, denen früher ganze Pilgerscharen zu Füßen kauerten, deren Namen heute aber milde überstaubt sind: Juliana Hatfield (das einstige Vorzeige-Görl der Blake Babies, Jahrgang 1967) und Paul Westerberg (der einstige Vorzeige-Rocker der Replacements, Jahrgang 1959). Etappenhelden der US-Musikszene, groß geworden im stürmischen Zeitalter des „alternativen“ Muckens und Machens. Beide haben nach dem Boom und dem Zerbrechen ihrer Bands jenes Banner weiter getragen, das sich abseits aller Ruhm verheißenden Pfade nunmehr ordentlich zerschlissen hat. Der Rock & Roll, Blutsbruder und Tunichtgut schont keinen seiner Anhänger – was schon die Urväter der Bewegung wussten.

Jetzt also, durchaus unerwartet, das Duo Hatfield/Westerberg, angetreten als The I don’t cares, mit dem ersten Album. Ein Keller in Minneapolis ist der Ort, wo das Westerberg’sche Spätwerk mittels eines „Neanderthal recording equipment“ in die Welt geschaufelt wurde. Weil sie sich jeden eitlen Gedanken, jeden berechnenden Impuls versagt haben, ist das Album ein gutes geworden. Das Gestern und das Morgen ignorierend, lässt sich das Duo mitsamt Schlagzeuger Josh Freese hineinfallen in den Bodensatz populärer Krawallmusik. Mit dem eröffnenden „Back“ ist schon die Richtung angezeigt – und an jene goldene Phase der Replacements erinnert, in der Preziosen wie „Pleased to Meet Me“ oder „All Shook Down“ (eigentlich schon ein Westerberg-Solo) entstanden sind.

Gern wird nach vorn geklöppelt

Schöne Schleicher und schräge Läufe dürfen nebeneinander existieren, gerne wird nach vorne geklöppelt. „Dance to the Fight“ bringt Punkrock-Vergangenheiten ins Spiel, wohl wissend, dass alles, alles „Just a Phase“ ist. Muss erwähnt werden, wie wundervoll der zweistimmige Gesang funktioniert? Unser Dank geht aus übervollem Herzen an die Boston-Area-Königin Juliana Hatfield: Sie hat dem Westerberg-Chaos das Brauchbare entrissen, die Aufnahme-Stunden organisiert, ist das Rückgrat der gesamten Unternehmung.

Während der Alte vorne die gebrochene Figur geben darf (was er tatsächlich und im Leben auch ist), hält sie hintergründig-wohltuend den Laden beisammen. Wer, zum Vergleich, Mister Westerberg (auch unter dem Namen „Grandpaboy“ in Erscheinung getreten) als einsam-irregeleiteten Barden erleben will, sei auf die ruinösen Schieflagen von „Dead Man Shake“ oder „Come feel me tremble“ verwiesen. Klasse Sachen, zweifellos.

Dennoch darf heute – und im Bewusstsein all der Mühen – ein Schlussstrich gezogen werden: Das außerirdische Erbe von Alex Chilton, jenem „true American enigma“, kann Westerberg nicht mehr antreten. Dafür fehlt ihm letztendlich das Moment völliger Unabhängigkeit. Dass er das herrlichste Widmungsstück der Epoche – „Alex Chilton“ dauert 2.57 Minuten und enthält mit „invisible man who can sing in a visible voice“ eine der am meisten zitierten Textstellen der Rockmusik – ins Werk gesetzt hat, verleiht ihm jedoch ewigen Glanz.

Und schon ist der vorletzte Song des Albums erreicht. Mit „Done, done, done“ geht es auf den Tisch, wo sich die seligen Ramones schon in Schlangentänzen winden, der Entfesselung letzter Akt eingeleitet wird. Eine der Singles, die am Ende aller Tage die höllische Jukebox befeuern wird.

Ist noch Raum, ihr Rocker & Roller dort draußen? Die Vertriebsfirma hat eine Neuheit mitgeschickt, die nicht unerwähnt bleiben darf. Die Summer Cannibals verkörpern das, was Patti Smith in ihrem gleichnamigen Song textet: „And the women moved forward/like piranhas in a stream“. Wie zu hören ist, haben sich Ober-Kannibalin Jessica Boudreaux und ihre Mitbeißer Devon Shirley, Jenny Logan und Marc Swart neben billigem Bier und schwarzen Lederjacken auch jenem „sweaty throwback Rock’n’Roll“ verschrieben, der die Riot-Grrrls-Tradition von Bands wie Bikini Kill oder Sleater-Kinney weitertreibt.

Auf dem legendären Kill-Rock- Stars-Label sind sie jetzt zu Hause. Mit einer Haltung, einem Bewusstsein, einer Widerständigkeit. Das alles ist zupackend, muskulös, straff und streng und laut. Keinesfalls schlecht gelaunt. Aber voll auf die Zwölf. Dass die Kannibalen niemandem zu Gefallen sein wollen, ist sowieso klar.

The I don't cares: Wild Stab. Dry Wood / H’Art Musik.

Summer Cannibals: Full of it. Kill Rock Stars / H’Art Musik.

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