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Der Franzose Stéphane Degout, hinten Pianist Cédric Tiberghien.

Stéphane Degout

Das schnellste Stück der Welt

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Bariton Stéphane Degout beim extrem abwechslungsreichen Liederabend in der Oper Frankfurt und mit einem Pianisten, der nicht bloß Begleiter ist.

Auch die Stimme von Guillaume Apollinaire (1880-1918) erklang, der Dichter rezitierte sein berühmtes Gedicht „Le Pont Mirabeau“. Eine Geistererscheinung, die Sänger Stéphane Degout anschließend kurz kommentierte: Er möge den Klang, in dem so viel Melancholie wie Lebensfreude stecke. Musiker hören mehr, und sie können dafür sorgen, dass sich das Gehörte im Musizierten widerspiegelt, so dass auch wir es dann hören können. So war es jetzt im französischen Programm des Baritons beim Liederabend in der Oper Frankfurt, wo von Francis Poulenc nicht nur die fließende, lässige „Le Pont Mirabeau“-Vertonung geboten wurde, sondern überhaupt eine Konzerthälfte lang ausschließlich Poulenc, Poulenc auf Apollinaire.

Degout ist als Opern- wie als Liedsänger erfolgreich, und auch wer ihn noch nie auf der Bühne erlebt hat, glaubt es nach diesem Abend sofort. Regisseure, denkt man, müssen ebenfalls ihre Freude an ihm haben. Er verfügt dabei über eine ungemein bewegliche, farbenreiche, insgesamt eher hoch klingende und schlanke Stimme. Bei Bedarf wird sie kraftvoll in Übergröße oder auch schneidend grell. Es ist ihr geradezu anzumerken, wie sie nach möglichst unterschiedlichen interessanten Aufgaben lechzt. Poulenc und Apollinaire haben sie alle zu bieten.

Das „Bestiarium“ ist ein extrem geistreicher Spaß, platte Übertragungen sucht man hier vergebens. Zwar schaukeln die Dromedare wunderbar, aber die Pointe ist noch viel wunderbarer. Zärtlich ist der Blick auf die Tibet-Ziege, der Rückwärtsgang des Krebses ein höchst origineller Stimmabsturz, die Karpfen blubbern voller Lebenserfahrung. Dass man auf dem „Montparnasse“ übel abstürzen kann, wird mit Genuss vermittelt, im „Hyde Park“ herrscht Tschubidu-Stimmung.

Pianist Cédric Tiberghien, der ein zartestes Pianissimo bietet und sich sodann eher von seinem Sitz erhebt, als nicht kräftig genug zu werden, ist definitiv nicht bloß Begleiter, sondern Partner. Nach der Pause zeigte sich das erst recht, als er mit Matteo Cesari (Flöte) und Alexis Descharmes (Cello) Kaija Saariahos „Cendres“-Trio spielte. Wer darüber an einem Liederabend staunte, auch wenn die Instrumente zweifellos sangen, ließ sich gewiss davon becircen, wie sich Lieder von Maurice Ravel daran eigentlich attacca anschließen sollten. Nur kam der Applaus dazwischen. Zur Ravel-Auswahl passte die unmittelbare Anbindung an die Gegenwart, vor allem zu den „Chansons madécasses“, fast einer Art „Lied von der Erde“ aus einer anderen Weltgegend. Mit Tieren („Histoires naturelles“) hatte es angefangen und ging es zu Ende.

Unter den vom zunehmend begeisterten Publikum herbeigeklatschten Zugaben auch Poulencs „Fêtes galantes“. Das ein „schnelles Stück“ zu nennen, ist immer noch ein Euphemismus.

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