CEO & Hélène Grimaud in Frankfurt

Schminke, Retro, Fragezeichen

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Hans von Bülow grantelte. "Glauben Sie, ich setze mich vier Wochen hin, um so ein widerhaariges Stück zu studieren?", so ließ er einst den armen jungen

Hans von Bülow grantelte. "Glauben Sie, ich setze mich vier Wochen hin, um so ein widerhaariges Stück zu studieren?", so ließ er einst den armen jungen Richard Strauss auflaufen, der ihm seine "Burleske für Klavier und Orchester" widmen wollte. Das Zitat findet sich in einem der wieder höchst lesenswerten Programmhefte der Alten Oper, aus dem allerdings ein Einlegeblatt heraussegelte: Hélène Grimaud, die Solistin des Konzertes mit dem Chamber Orchestra of Europe, hat sich eine Woche vor ihrem Frankfurter Konzert entschieden, nicht die widerhaarige Burleske, sondern - wie zuletzt vor zwei Jahren an diesem Ort - Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert spielen zu wollen.

Damit dies nicht als Unterstellung verstanden werden kann: Beide Werke hatte oder hat die französische Pianistin, die als recht sensibel gilt in Sachen Konzertlogistik, gleichermaßen im Repertoire, der Strauss war ihre erste Aufnahme für das Label Erato. Schade war in diesem Fall nur, dass ihre Entscheidung eine schöne Programmidee unterminierte: Das Chamber Orchestra of Europe wollte dem vor 50 Jahren verstorbenen Komponisten mit einem reinen Strauss-Programm die Ehre geben, und zwar mit eher abseitigen Werken. So blieben davon übrig: Die Suite "Der Bürger als Edelmann", die Vladimir Jurowski am Pult als galantes Farbspiel inszenierte, als Retro-Musik, die nicht schwergewichtiger wirken wollte, als sie ist. Äußerst liebevoll war der Umgang des russischen Jungstars mit dieser Partitur, die alle Schminke und die bepuderte Perücke behalten durfte.

Und das Gegenstück dazu: Die "Metamorphosen" für 23 Solostreicher, ein Werk wie gemacht für die so sehr aus dem Individualistischen gewonnene Klangklasse des Chamber Orchestra of Europe. Ausgesprochen stark düster gelang auch der Schluss, doch über die ganze Strecke blieb der Ton zu unpersönlich spröde.

An Stelle der Strauss-Burleske bildete das Zentrum nun das Ravel-Klavierkonzert, sicher keine schlechte Ausweichwahl. Das Werk aus dem Paris der 1920er lebt davon, präzise "à point" zu kommen, gerne auch mal kühl-brillant - Hélène Grimaud ist nun keine Meisterin dieser spiegelglatten Oberfläche, sie gibt der Präzision eigene Wärme mit, der Anschlag ist rund, die Bewegungen sind fließend. Ein echter Grimaud-Satz aber ist das Adagio assai, das bei ihr so suchend wirkt, ziellos, zweideutig. Jede Phrase endet mit Fragezeichen oder drei Pünktchen. Man mag das sentimental nennen oder sensibel, es transportiert jedenfalls eine fast visionäre Offenheit. Widerhaariges dann ein andermal wieder.

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