Alte Oper

Schlimme Liebe, süßer Tod

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Der Countertenor Bejun Mehta mit seiner „Cantata“ in der Alten Oper Frankfurt.

Bejun Mehtas Auftritt bei den Bachkonzerten in der Alten Oper Frankfurt überführte seine vor einem Jahr erschienene CD „Cantata“ (Pentatone) fast eins zu eins in eine Live-Situation, für die der Große Saal im Prinzip zu groß ist. Andererseits wollten eine Menge Menschen zuhören, und der 50-jährige US-Amerikaner hat weder als Persönlichkeit noch als Countertenor Schwierigkeiten, mit der Weite des Raums zurechtzukommen. Im Gegenteil wurde es so intim wie eben möglich.

Das „Cantata“-Programm macht sich das Vage der Kantatenform, die nicht viel mehr sagt, als dass ein mehrteiliges Stück unter Stimmbeteiligung erklingt, zunutze für eine unerhörte Vielfalt. In der geringfügig veränderten und leicht verkürzten Abfolge für Frankfurt zeigte sich vor allem die aus der Mode gekommene, heutzutage geradezu irrwitzige wirkende Grundlehre: Die Liebe ist ein Problem, der Tod ist die schönste Lösung.

Mehta begann mit zwei weltlichen Werken von Georg Friedrich Händel, die seiner technisch restlos versierten, aber im Ungezwirbelten, scheinbar Unvirtuosen fast noch mehr zu Geltung kommenden Stimme gleich alle Möglichkeiten gaben. Der vor Trauer fahlen Arie „Siete rose rugiadose“ folgte „Mi palpita il cor“ mit pochendem Herzen und dem Aufruhr in der Seele eines Verzierungskünstlers. Der auch die Dosierung dieser Kunst beherrscht.

Die Meisterschaft der Traurigkeit trieb noch weiter das Lamento „Ach, dass ich Wassers gnug hätte“ von Johann Christoph Bach, in dem jedes Wort auf die Goldwaage feinster musikalischer Umsetzung gelegt wurde: das permanente Beweinen der Sünden hatte die Gegend längst in ein Streichermeer verwandelt (mögen die Tränen ausgehen, aber niemals die Noten!), mit den Wassern flossen auch die Noten in sanften Wellenbewegungen dahin, und geseufzt wurde mit den Stockungen so gut wie echter Verzweiflung. Interessant, wie eigen Mehtas Timbre zu bleiben scheint, weich, androgyner als das vieler Kollegen und durchaus in einem Zusammenhang mit dem Bariton stehend, als der er angefangen hat.

Geruhsame Entschlossenheit dann in Johann Sebastian Bachs „Ich habe genug“ und nachher Melchior Hoffmanns „Schlage doch, gewünschte Stunde“, in dem die Todessehnsucht eine verrückte Note bekommt, wenn ein Glöcklein angeschlagen wird und das letzte Wort hat. Auch die Instrumentalisten hatten daran ihre Freude, die Akademie für Alte Musik Berlin. Sie schmiegten sich (wie auf der CD) in verschiedenen kleinen und Kleinstbesetzungen an Mehtas Stimme an.

Auch die Zugabe war von der CD, Händels „Choice of Hercules“, ein Wunder an kunstvoller, also nicht einfacher Einfachheit.

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