The Streets

Es ist ja schließlich seine Party

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Randale, Liebe und Pathetik mit The Streets im ausverkauften Schlachthof in Wiesbaden.

Eine Minute lang hält die verabredete Ordnung, dann haben es Mike Skinner die Flaggen der Viva con Aqua-Stände angetan. Flink noch ein Bier geext und runter von der Bühne, die 20 Meter durch das Publikum sind schnell gebahnt. Und dann steht er da, mitten im ausverkauften Schlachthof in Wiesbaden, schwenkt das Fähnchen und ruft: „Can you see me? I’m here!“, während oben auf der Bühne die Musiker weitermachen, als sei nichts passiert.

In dieser Haltung vergehen auch die übrigen 90 Minuten. Mike Skinners Comeback-Tour als Rapprojekt The Streets, das er im Januar 2011 für beendet erklärte, funktioniert ungefähr so, wie man sich einen 40. Geburtstag in einem Arbeiter-Pub irgendwo in Birmingham oder Süd-London vorstellen muss, der etwas aus dem Ruder läuft. Insgesamt wird Skinner 10 Pints getrunken oder in die ersten Reihen geschmissen und etwa 4 Flaschen Champagner über und um sich versprüht haben. Die Bierbecher, die zurückfliegen und ihn nur knapp verfehlen, nimmt er sportlich.

Er fordert Frauen zum Crowdsurfen auf. Und ganz zum Schluss formiert er einen Circle Pit und lässt sich selbst auf den Händen durchs Publikum tragen. Es ist ja schließlich seine Party. Dazwischen lässt Skinner alles raus. Die Knaller müssen knallen, die Balladen und Hymnen dürfen ganz pathetisch sein, viel pathetischer, viel kitschiger als auf den alten Alben. Randale und Liebe, das ist das Motto des Abends.

Um Perfektion geht es weniger. Was nur schlimm ist für den, der auf eine museale Rückschau gehofft hat, auf das fantastische Material seines Debütalbums von 2002, das so unbestechlich und messerscharf aus den Ausläufern von 2Step, Grime und UK-Garage einen ganz eigenen HipHop-Sound formulierte, getragen von Skinners Cockney-Sprechgesang: „Let’s push things forward!“ Die Hits kommen, Skinner will liefern, die Show beginnt sogar mit „Turn The Page“, dem Eröffnungssong von 2002.

Alles ist nur etwas aus der Form geraten, wie räudige, heisere Pub-Versionen, und je später der Abend wird, desto mehr zählt nur noch die Energie, das Gefühl, der Moment, der Rausch. Auf der Bühne hat er dafür eine stattliche Band versammelt, Schlagzeug, Bass, Keyboards, Gitarre, Gesang. Alle sind gut, aber sie spielen auch nicht wirklich eine Rolle. Also schnell noch eine Champagnerdusche. Und ein letztes Bier auf uns. Cheers, Mate!

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