Symphoniekonzert

Schlanker Messias

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Händel in den Händen einer französischen Barockspezialistin: Emmanuelle Haim ließ mit dem HR-Orchester auch die feinen Schattierungen des "Messias" hören. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Bilder von Künstlern schaffen Künstlerbilder: In Betrachtung des unter der Barockperücke pomphaften Buldoggengesichtes und ausladender Leibeswölbung haben viele Generationen von Händel-Interpreten das "Hallelujah" mit schmetternden Chor-Hundertschaften umgesetzt, mit vollsaftigem Dauerforte, bürgerlich behäbig und bombig, getragen vom Massen- und Massiv-Enthusiasmus. Seit geraumer Zeit muss sich Händel nun im Zuge der authentischen Aufführungspraxis einer Schlankheitskur unterziehen, und das gereicht auch dem berühmten Jubelstück seines populärsten Oratoriums zum Segen.

Die Pauken zum Schluss

Beim jüngsten HR-Sinfoniekonzert in der Alten Oper dirigierte die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haim das "Hallelujah" dynamisch differenziert und elastisch. Sie ließ die Gegliedertheit und den Kontrastreichtum des Satzes hervortreten und steigerte die Klangintensität nur ganz allmählich - das Pauken-Forte wurde gar erst für die allerletzten Takte aufgespart. Der kammerchorstarke Choeur du concert d´Astrée entbarg ein beachtliches, durchaus saalfüllendes Klangvolumen und pflegte einen sprachbetont-lebhaften Vortrag.

Schlank heißt nicht magersüchtig, und wer schon gedacht hatte, den ungekürzten "Messias" auf die Symphoniekonzertnorm von zwei Stunden heruntergespult zu erleben, hatte sich getäuscht. Viel weniger als drei wurden es nun doch nicht. Die Zeitmaße waren flüssig gehalten, aber niemals verhetzt. Nach dem Schlusschor wurde es sogar gemächlich und besinnlich.

Ausbreitung brachte kurz vorher auch das Riesen-Dacapo der Bassarie "The trumpet shall sound" mit dem dazu neben den Sänger postierten Trompetensolisten - nochmals ein Höhepunkt farbenfroher Musik-Verlebendigung mit dem so beweglich wie machtvoll intonierenden Christopher Purves. Mit hell timbrierter Eloquenz sang Laura Claycomb die Sopranpartie; der in den höheren Lagen ergiebige und markante Countertenor versah die Alt-Aufgaben (die auch beim Chor Männern vorbehalten waren), der nuancenreiche, tonlich nicht zu schmale Tenor war John Tessier. Der profilierte Anteil der Arien und der bewegten "Accompagnati" demonstrierte, dass der "Messias" beileibe nicht nur aus dem "Hallelujah" besteht.

Händels "Messias" ist auch deshalb ein Dauererfolg, weil er die (zum Christus überhöhte) Jesusgestalt so umfassend präsentiert, wobei dogmatische "correctness" und eine hinlängliche Beschäftigung mit dem Passionsgeschehen nicht fehlen. Emmanuelle Haims Darstellung hielt die feineren Schattierungen wie die gleichsam athletischen Züge dieses Heldenporträts gut in der Balance. Bewundernswert, mit welch variabler und sorgfältig ausgefeilter Spieltechnik die HR-Sinfoniker auf die so exakten wie vehementen dirigentischen Avvisos reagierten.

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