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Ein Schiff über den Berg schleppen

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Fürs Musiktheater schuften und schwitzen, hier in  „Sweat of the Sun“.
Fürs Musiktheater schuften und schwitzen, hier in „Sweat of the Sun“. © dpa

Die Münchner Musiktheater-Biennale fördert auch unter neuer Leitung überraschende Formate.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Bald sind es 30 Jahre her, dass Hans Werner Henze 1988 mit der Münchner Biennale ein Festival für neues Musiktheater gründete, um Vielfalt und Lebendigkeit dieser Kunstart(en) nahe der Oper zu zeigen und produktiv zu fördern. Sein Nachfolger Peter Ruzicka leitete dieses Fest von 1998 an bis unlängst und betonte die innovativen Strömungen der modernen Theaterformen.

Seit 2016 nun sind der Schweizer Daniel Ott und der Düsseldorfer Manos Tsangaris mit der künstlerischen Leitung der Biennale betraut, und sie nehmen selbstverständlich die Gelegenheit zu einer konzeptionellen Kursänderung wahr. Nicht angetastet wird das bewährte Prinzip, junge Komponisten (viele unter 30) mit Aufträgen zu versehen und bei etlichen der zahlreichen Uraufführungen(diesmal 15) mit anderen Bühnen zu kooperieren.

Die beiden neuen Männer wollen ausdrücklich „Schwellen-Überschreiter“ anlocken. Das heißt: noch mehr Öffnung nach allen Seiten; eine ästhetische Bandbreite, die vom Exzentrisch-Elitären bis zur DJ-Kultur und dem Volkstheater unter Einbeziehung von Stadtteil-Pop reicht.

Als griffige Formel für das derzeitige – auf knapp zwei Wochen und Veranstaltungsorte nahe dem Konzerthaus Gasteig konzentrierte – Fest wurde „OmU“ gewählt, die aus dem Kino geläufige Abkürzung für „Original mit Untertiteln“, woraus sich allerlei Möglichkeiten für die Ästhetik der „Übersetzungen“ erschließen ließen. Popularität hin und her – den intellektuellen und spekulativen Spitzfindigkeiten blieb gleichwohl gehörig Raum.

Übersetzung als Stimulans manifestierte sich ganz unmittelbar in den Lesungen des rätoromanischen Autors Arno Camenisch, der mit seinen zwischen Lyrik und Prosa changierenden Texten „SezNer“ Jugenderfahrungen als Helfer in der Alp-Viehwirtschaft dokumentiert. Da geht es noch um einiges weniger idyllisch zu als bei Peter Rosegger; Blut, Scheiße und Tiertod sind hoch oben Alltag, und auch die Menschen gehen roh miteinander um.

Camenisch vibriert noch im Rückblick vor einer Wut, die ihm zugleich die Energie zur blitzenden Formulierung schafft. Die gegenseitige Spiegelung der beiden Sprachen Romansch und Deutsch (letzteres war bei der Textentstehung das „Original“) erzeugte ein vertieftes Verständnis, das sich (für Deutsche) bei der romanischen Sprache – sie ähnelt klanglich dem Portugiesischen – einer „sprachmusikalischen“ Rezeption annäherte. Kombiniert war die Lesung mit der Uraufführung des körpertheatralischen und stimm-akrobatischen Stückes „Pub-Reklamen“, das Georges Asperghis der virtuosen französischen Sängerin Donatienne Michel-Dansac „auf den Leib“ schrieb.

Gar nicht so schwer, also auch eine Lesung unter dem Vorzeichen von Musiktheater wahrzunehmen. Mitten in einer zeitgenössisch verstandenen Gattung Oper siedelt sich freilich David Fennessys „Sweat of the Sun“ an, ein nichtnarratives Stück, das – angeregt von Werner Herzogs Arbeitstagebuch „Eroberung des Nutzlosen“ – die zur Metapher gewordene Kernszene des Films „Fitzcarraldo“ beschwört.

Die unendliche kollektive Anstrengung, ein Schiff über einen Berg zu schleppen, wird hier nicht abgebildet, sondern in verschiedenen Medien (Sprache, Gesang, Video, Filmsequenzen) umkreist. Es entstehen neuartige Konfigurationen zwischen den Darstellern, die keine Geschichte erzählen, und dem Münchner Kammerorchester (Dirigent: Alexander Liebreich), das sich auf verschiedenen Inseln als theatralischer „Akteur“ beteiligt.

Weitaus stärker als diese Zusammenarbeit mit dem Theater Osnabrück wirkte eine Koproduktion mit dem Theater Mainz und dem nur scheinbar dadaistischen Titel „In this then that and now what“. Der Komponist Simon Steen-Andersen realisierte hiermit eine frappierend konsequente Einheit von Theater, Lecture Performance, Konzert, Lichtinszenierung und Installation, eine imponierend bis ins Absurde getriebene Selbstreflexion der vereinigten Bühnenkünste, die dank hervorragender Darsteller und Musiker ungemein spannend wirkte.

Radikal zu Ende gedachte Etüde

Nur scheinbar regierte trockene Lehrhaftigkeit (fiktive Einführungsvorträge); systematische und zugleich komische Gegengewichte bildeten quasi seriell angelegte Unsinns-Aktionen wie das Öffnen und Schließen von Türen und geheimnisvoll-bedeutungslose Gänge über die Bühne. Eine radikal zu Ende gedachte Etüde, ein nahezu perfektes Argument für ein Musiktheater der unerschöpflichen Übersetzungen.

In den Henze’schen Gründungsjahren der Biennale war Oper noch eine fest umrissene Gattung (in der Regel als „Literaturoper“), in Frage gestellt von vereinzelten experimentellen Ausreißern. Inzwischen bieten fast alle Stadt- und Staatstheater in ihren Spielplänen regelmäßig unterschiedliche neue Formate von Musiktheater. Der Münchner Biennale kommt das Verdienst zu, dafür mit den Boden bereitet zu haben.

Diese Art der Wirkung ist wohl wichtiger als eine Ausbeute neuer Meisterwerke mit Ewigkeitsanspruch. Tsangaris und Ott scheinen noch unbefangener als Ruzicka, auch mal Sachen in den Sand zu setzen. Dafür ein eher liebenswertes als ärgerliches Beispiel der aktuellen Biennale: die Aktion „Für immer ganz oben“ nach einer Erzählung von David Foster Wallace, pubertäres Geschwafel mit dürftigster jugendbewegter Hausmannskost-Popmusikkulisse von Brigitta Muntendorf.

Aber viel Spaß für einen Knabenchor, der sich im Schwimmbecken des Jugendstilbades an der Isar produzieren durfte, bestaunt vom am Rande und auf Galerien bei 30 Grad Celsius und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit schwitzenden Publikum.

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