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Grammophon mit Schellackplatte: Die Darreichungsformen ändern sich, die Aufnahmen sind teilweise bemerkenswert haltbar.
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Grammophon mit Schellackplatte: Die Darreichungsformen ändern sich, die Aufnahmen sind teilweise bemerkenswert haltbar.

Beethoven-Einspielungen

Scheiben für die Ewigkeit

  • vonStefan Schickhaus
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Solitäre, Maßstäbe, Referenzen: essenzielle Beethoven-Einspielungen aus knapp 100 Jahren Tonträgergeschichte, manche ein Muss, andere eine Überraschung.

Das Coverbild zeigt, was man hört. Carlos Kleiber zieht den Taktstock durch wie einen Tennisschläger nach einer mächtigen Vorhand, er strahlt. Satz und Sieg. Es war ein Benefizkonzert zugunsten der Renovierung des Münchner Residenztheaters im Mai 1982, das Bayerische Staatsorchester spielte Beethovens Vierte. Ein Livemitschnitt, ohne Korrekturen, ohne Kosmetik. Aber wie sagte Carlos Kleiber damals dazu: „Für jene, die auf Lebendigkeit hören können, haben wir hier Sachen drin, die spielt Ihnen kein Orchester so lustvoll und frech oder so beseelt und erfreuend wie dieses Orchester an jenem Tag.“

Wie recht er hatte und wie recht auch der „SZ“-Kritiker Joachim Kaiser, der von einer „unvergesslichen Vierten“ schrieb. Diese Aufnahme war damals eine Sensation, sie ist es bis heute. Denn man bedenke: 1982 war noch der goldene Karajan der Schallplattenstandard, in München waltete Sergiu Celibidache und damit die würdevolle Schwere. Und dann kam Kleiber und jagte ebenso straff wie durchhörbar durch diese herrlich schlanke Vierte. Eine Einspielung für die Ewigkeit, ein Solitär.

Solche Leuchttürme, die aus dem unendlichen Meer von Beethoven-Aufnahmen dauerhaft herausragen, sind gar nicht so einfach zu bestimmen. Manche polarisieren, das Beethoven-Hören ist schließlich subjektiv. Alleine schon die Frage, welche Sinfonien-Gesamteinspielung der Favorit sein soll, kann endlose Diskussionen auslösen. In den letzten Jahren hat sich da aber jene Serie vom Geheimtipp Richtung Konsens entwickelt, die Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen aufgenommen hat: klein besetzt, extrem frisch musiziert, da passt alles. Vielleicht, aber auch nur vielleicht passt alles sogar zu gut. Denn wenn man dann Roger Norringtons fulminante neun Sinfonien mit den London Classical Players dagegenhält, spürt man hier noch mehr Kraft. Mehr Rauheit. Es waren die späten 80er Jahre, Beethoven auf historischen Instrumenten war noch eine Pioniertat, das lässt sich hören. Norringtons Beethoven ist aufregend, gefährlich, das alte Material wird ausgereizt. Die Ersten waren die London Classical Players übrigens nicht, die den Beethoven-Zyklus auf „period instruments“ realisierten. Das leistete The Hanover Band bereits ab 1982. Diese CD-Box hat aber lediglich dokumentarischen Wert.

Die Originalinstrumente-Protagonisten taten Beethoven jedenfalls unbedingt gut. Die unverschämt flotten Metronomangaben des Meisters werden seitdem ernst genommen (gut, das hatte auch bereits René Leibowitz in den 60ern getan), das Kantige bekommt sein Recht, die Bläser werden nicht länger von vibrato-gesättigten Streicherbreitseiten neutralisiert.

Bei den Klavierkonzerten allerdings gerät da schnell die Gewichtung aus den Fugen, weil Hammerflügel sich nur schwer durchsetzen können und künstlich raufgepegelt werden müssen. So kann man, ohne einen Fehler zu machen, entweder auf den modernen Flügel setzen und zu den um das Jahr 2000 entstandenen Aufnahmen mit den Pianisten Pierre-Laurent Aimard (und Harnoncourt am Pult) oder Alfred Brendel (und Simon Rattle) greifen.

Oder aber man legt sich die CD in den Player, bei der die Relation von historischem Tasteninstrument und Tutti perfekt ausbalanciert ist. Arthur Schoonderwoerd heißt der Solist, es musiziert das Cristofori-Ensemble, und zwar in einer Besetzung mit nur einem Instrument pro Stimme. Das entspricht dem überlieferten Stimmenmaterial, von einem echten Orchester konnte da keine Rede sein. Diese Aufnahme ist nun wirklich radikal – und alles andere als spröde, mager oder dünn. Brio und Zunder haben eben nichts mit der Menge der Ausführenden zu tun. Aber viel mit deren Sinn für Drastik, Furor und Klang. Einer im kleinen Häuflein der Cristofori-Musiker ist ein Pauker, und im fünften Klavierkonzert ist er der Star.

Ebenso führt der Hammerflügel in Sachen Klaviersonaten mitunter zu wahren Erleuchtungen, vor allem wenn ihn der Niederländer Ronald Brautigam bedient. Ein neuer Standard könnte sich allerdings mit Igor Levit herausgebildet haben, zumindest den Verkaufszahlen nach: Soeben wurde gemeldet, dass sich die vor einem Jahr erschienene CD-Sammelbox des aktuell umtriebigsten aller Pianisten auf Platz eins der Klassik-Jahrescharts hochgearbeitet hat. Ob das den bisherigen Maßstab verschieben wird? Der heißt Alfred Brendel, der Kopf, dessen 32 Sonaten aus den mittleren 90ern sicher die Referenz in Sachen Klugheit, Analyse und Pointiertheit sind. Das ist zeitlos, uneitel, eine runde Sache, wobei man seinen auf weich getrimmten Klavierton mögen muss.

Allerdings kann man auch noch einen guten Schritt zurück machen in der Historie der Sonaten-Platten: zu Artur Schnabel, dem ersten Pianisten, der nicht nur den 32er Satz komplett aufgenommen, sondern der auch Beethoven ernst genommen hat. Schnabel war streng zu sich, unbestechlich, da wird nichts romantisch verwaschen, verschlampt und zerdehnt, dem eigenen Geschmack unterworfen. Für die „Hammerklavier“-Sonate hatte Beethoven ja Metronomangaben hinterlassen, wenn auch horrend schnelle – Schnabel arbeitet sich daran ab, ohne Rücksicht auf Verluste. Klanglich darf man allerdings nicht zu viel erwarten, die „His Master’s Voice“-Aufnahmen stammen aus den 30ern. Bei den Labels Naxos und Documents sind sie günstig zu haben. Über das neue „Remastering“ des Labels Warner hört man dagegen nichts Gutes.

Aufnahmetechnisch erstaunlich gut klingt für heutige Ohren jenes Beethoven-Violinkonzert, das Yehudi Menuhin mit Wilhelm Furtwängler 1953 am Pult in London aufgenommen hat. Es ist mehr Denkmal als Leuchtturm: Der junge Jude musizierte zum ersten Mal sogar bereits 1947 mit dem einstigen Vorzeige-Dirigenten der Nazis sowie den Berliner Philharmonikern, vielen Widerständen zum Trotz – er spielte das Konzert quasi als Versöhnungsgeste. Beethoven, der Humanist, wo käme er deutlicher zu Wort als hier.

Was kam zu kurz? Die Kammermusik natürlich, denn unter den so zahlreichen großartigen Einspielungen ist es schwer, Favoriten zu benennen oder auch den Überblick halbwegs zu behalten. Liegt das Quatuor Ébène bei den Streichquartetten vorn, oder zieht das Cuarteto Casals vorbei, oder bleibt man besser beim Alban-Berg-Quartett? Gehört Isabelle Faust die Violinsonaten-Krone oder Frank Peter Zimmermann?

Bei einem Werk dagegen konnte man aufatmen, als es 1989 auf CD erschienen ist: Die „Missa solemnis“, sie gehört zum Schwierigsten, was es im Konzertsaal wie für Tonträger zu realisieren gilt. Denn meistens bekommt man nur Arbeit und Mühe zu hören und die Angst vor Kontrollverlust. Nicht aber bei John Eliot Gardiner und seinem Monteverdi Choir: endlich keine Qual für die hohen Chorsoprane, keine Pein durch den Sologeiger. Stattdessen ein Musizieren auf einem atemberaubend sicheren Niveau, das alle Freiheiten erlaubt und diese Messe plötzlich als Musik, nicht als musikalische Großbaustelle erkennen lässt. Ja, sie hat, was jede gute Beethoven-Einspielung braucht: Kraft und Kante, unbedingtes Können – und unbedingten Willen.

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