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Mitsuko Uchida in der Alten Oper.

Alte Oper

Scharf umrissene Gestalten

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Die Pianistin Mitsuko Uchida bittet in der Alten Oper Frankfurt um Absolution.

Die Zugabe war als eine Art Beichte gedacht: Die Pianistin Mitsuko Uchida kündigte den mittleren Satz der Sonate KV 330 von Wolfgang Amadeus Mozart an, ein Andante cantabile. Ein Stück, wo die kleinen und großen Sünden der Mutter oder (mit Zeigefinger nach oben) dem lieben Gott genannt und der Vergebung anheimgestellt seien. „Lachen Sie nicht“, meinte die nach dem Ende des regulären Programms im ausverkauften Mozart-Saal der Frankfurter Alten Oper Gefeierte zu einigen entsprechenden Publikumsäußerungen. Und tatsächlich klingt da in der C-Dur-Sonate etwas von den Kirchensonaten Mozarts, deren eine die Köchelverzeichnisnummer 329 trägt, durchaus an. Uchidas Vortrag der sacht rhetorischen Figurationen war meisterhaft: verhalten, konzentriert und gebunden.

Aber für was wollte denn die 70-jährige Star-Pianistin hier eine klingende Beichte ablegen? Sicherlich nicht dafür, dass sie sich ganz und gar auf nur einen Komponisten fixiert hatte: nämlich auf Franz Schubert, von dem sie drei große, im Zeitraum von knapp zehn Jahren entstandene Sonaten spielte – die letzte zwei Monate vor dem Tod des Komponisten entstanden.

Vielleicht aber für den heftigen, lauten und barschen Ton, den Mitsuko Uchida durchgängig anschlug. Jedenfalls war darin das entscheidende Charakteristikum des gesamten Abends gegeben. Mit der Es-Dur-Sonate D 568 hatte das Konzert begonnen: ein von der Faktur her sich im Formfahrwasser Mozarts bewegendes Stück, das durch einen schweren, gewissermaßen phlegmatischen Habitus sich Schubert anverwandelt hat. Uchida setzte das weit weg von rokokohafter Ziselierung und machte aus Bögen und Rundungen eckigere, nachdrücklichere und scharf umrissene Gestalten: Anverwandlung im Modus von Schwerkraftvergrößerung.

Mit der a-Moll-Sonate D 784 steigerte sich diese Gewichtsklasse ins Aggressive und Lastende. Ein Brucknersches Akkordkubengewuchte sondergleichen entfaltete sich düster und dräuend, sporadisch und wie auf Abruf von lichteren, aber fahl und blass bleibenden Momenten kurzzeitig unterbrochen. Zur Schwergängigkeit kam so die manische und verdunkelte Haltung.

Der gesellte sich schließlich in der A-Dur-Sonate D 959 in dem heillosen, gänzlich aus den Fugen geratenen Mittelteil des langsamen Satzes noch das zur Raserei und zum cholerischen Ausbruch disponierte Temperament hinzu. Auch hier war die Dominanz alles Unapollinischen evident in schwer- und schwerstwiegenden Formationen. Eine Schubert-Beichte in drei Teilen, die schonungslos die Möglichkeiten und Grenzen dieser schöpferischen Kreatur bekannte. Das Publikum erteilte aus vollem Herzen Absolution.

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