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Die Faust der Black-Power-Bewegung, hier in Leeds.

„Untitled (Rise)“

Sault: Die schwarze Faust, die betenden Hände

  • vonStefan Michalzik
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Wunderwerke in rascher Folge: Sault und ihr Album „Untitled (Rise)“.

Sault sind eine Band der Stunde, politisch wie musikalisch betrachtet. Retro – das bedeutet im besten Fall, dass eine Musik den Bestand einer vergangenen Epoche dermaßen freigeistig aufmischt, dass der Gedanke an eine Rückwärtsorientierung abwegig erscheint. So verhält es sich in einer geradezu idealtypischen Weise mit Sault. Die britische Gruppe um – zumindest offiziell – ohne Gesichter und ohne Namen bleibende Musikerinnen und Musiker hat gerade einen sagenhaften Lauf. „Untitled (Rise)“ ist das vierte Album in weniger als einem Jahr. Es ist nicht minder grandios wie jene zuvor – und es lässt eine neue Entwicklung erkennen.

Wer genau ist Sault?

„We as Black People and of Black Origin are fighting for our lives“: Das ist, veröffentlicht nach dem Tod von George Floyd, der einzige Hinweis, den die Band offiziell zu ihrer Identität gibt. Sie streut jedoch Hinweise, dass hinter Sault unter anderem der auch als Inflo bekannte Londoner Produzent Dean Josiah und die Sängerinnen Cleo Soul und Melisa Young alias Kid Sister stecken; Josiah hat schon für die US-amerikanische Popsängerin Kristinia DeBarge, die britische Rapperin Little Simz und ihren Landsmann Michael Kiwanuka gearbeitet.

Das Album

Sault: Untitled (Rise). Forever Living Originals.

Faszinierend vielfältig werden die Zutaten zu den 15 Songs, die eine zyklische Einheit bilden, variiert – ohne dass das gewollt wirken würde. Dieses Wunderwerk wartet einesteils mit Discokrachern auf, die geprägt sind von großen Stimmen selbstbewusster Frauen, wie sie für die Ära des Disco prägend waren. Insbesondere bei „Free“ handelt es sich um Referenzpop erster Güte: Dieser Song kreuzt musikalisch ungeheuer animierend das Riff aus Michael Jacksons „Don’t Stop ’Til You Get Enough“ mit einer Melodiefloskel aus dem Easy-Listening-Klassiker „Son of a Preacher Man“. Stilbewusst lässig verweist die Musik immer wieder auch ganz unmittelbar auf den Afropop eines Fela Kuti wie auch den No-Wave-Funk von ESG. Skizzenhafte Kargheit und lustvolle Üppigkeit treffen sich mitunter in einem Song, etwa in „Fearless“.

Die geballte schwarze Faust der Black-Power-Bewegung auf dem vorhergehenden Album „Untitled (Black Is)“, verbunden mit einem expliziten Bekenntnis zu Black Lives Matter lässt keinen Zweifel an der politischen Ambition hinter der hedonistischen Musik. „Change is happening“, lautet ein Bekenntnis der Band. Diesmal ist das gefaltete Händepaar der Religion oder eben auch der Spiritualität auf dem Cover abgebildet, wiederum vor einem schwarzen Hintergrund.

Beim oberflächlichen Hören klingt der Discofunkkracher „I Just Want to Dance“ unbeschwert ausgelassen. Im Text heißt es: „I just wanna dance / dance, dance, dance / Makes me feel alive / Feel alive“. Jedoch weiter: „I get kind of mad, mad, mad, mad / We lost another life, life, life, life“. Das ist typisch für Sault.

Die zweite Hälfte des Albums ist geprägt von hochgespannter Sachtheit, die Beats erinnern an den TripHop. Die rohen, teils sample-basierten Skizzen fehlen diesmal. „Untitled (Rise)“ ist weniger rumpelig und verspielt als „5“ oder „7“ vom vergangenen Jahr. Die Produktion ist geschliffener – ohne darüber zu gradlinig zu werden.

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