Jazz

Satt und seelenvoll warm

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Sly & Robbie und ein All-Star-Ensemble spielen stilübergreifend im Frankfurter Mousonturm.

Die Erwartungen an einen Konzertabend mit einem derart prominent besetzten All-Star-Ensemble sind natürlich hochgespannt – und sie sind glänzend erfüllt worden. Das als Sly & Robbie bekannte Duo um den Schlagzeuger Sly Dunbar und den Bassisten Robbie Shakespeare stellt seit den Anfängen in den frühen Siebzigerjahren die gefragteste Riddim Section im jamaikanischen Reggae dar, mit nachgerade ikonischem Status. Als Musiker wie auch Produzenten sind sie an Alben von Grace Jones, Bob Dylan, Ian Dury, Joe Cocker, Serge Gainsbourg, Sinéad O’Connor, The Rolling Stones, Simply Red undundund... beteiligt gewesen.

Im Frühjahr ist das Album „Nordub“ erschienen, darauf ein Treffen der Pioniere mit dem norwegischen Jazztrompeter Nils Petter Molvaer und seiner namhaft besetzten Band um seinen norwegischen Landsmann Eivind Aarset an der elektrischen Gitarre und dem Berliner Vladislav Delay an den elektronischen Klanggebern. Jetzt hat dieses Quintett im Frankfurter Mousonturm gastiert.

Die famosen eigengesetzlich agierenden Anwender des Prinzips Dub treffen mithin auf die Altvorderen, auf Augenhöhe. Das Repertoire des Konzerts teilt sich, wie schon jenes des fantastischen Albums, in Nummern, in denen die beiden coolen Veteranen sich markant in die Band Molvaers einreihen. Vor gut zwanzig Jahren hat der mit seinem vibratolosen Ton an Miles Davis anknüpfende Trompeter auf seinem zum Markstein gewordenen Debüt „Khmer“ sein Instrument in einen Zusammenhang von Ambient und Dub gestellt. Seither bringt er es wundersamerweise fertig, diese Grundidee immer wieder derart zu variieren, dass seine magisch-atmosphärischen nachtmusikalischen Klangbilder beständig hörenswert bleiben.

Auf der anderen Seite stehen Nummern, die auf den Sound von Dunbar (66, sehenswert: mit einem schwarzer Baustellenhelm, unter dem die Rastalocken hervorquellen) und Shakespeare (65, dezent mit Baseballkappe) fokussiert sind, auf Reggae und Dub also.

Shakespeare tritt auch als zwar nicht im engeren Sinne stimmlich „guter“, gleichwohl ausgesprochen soulvoller Sänger in Erscheinung, unter anderem anhand von Dawn Penns Reggaeklassiker „You Don’t Love Me (No No No)“ oder „Satta Massagana“ von The Abyssinians. Der großartigen Dub/Blues/Jazz-Melange „Was in the Blues“ ist ein melodiebedingt zitathaft wirkendes Flair von Kraftwerks „Trans Europa Express“ eigen.

Auf dem einen wie dem anderen Zweig ist das alles intensiv, satt und seelenvoll warm. Hier sind Legenden zu besichtigen gewesen, in einem musikalisch derart vielgestaltigen Miteinander, dass es eine Freude ist. Und ja, auch im Apfel- und Birnen-Vergleich mit der von London ausgehenden neuen Coolness im Jazz lässt sich dieses stilübergreifende Musizieren als ein zeitgenössisches betrachten – gänzlich ohne den Muff einer nostalgischen Rückschau.

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