Riccardo Muti

Satt, dickflüssig, strahlend

Turbulenzen und versonnene Phasen: Der italienische Dirigent Riccardo Muti zeigt sich souverän in der Alten Oper.

Von Bernhard Uske

Seit sechs Jahren ist Riccardo Muti, der langjährige Leiter der Mailänder Scala, Music Director des Chicago Symphony Orchestra, mit dem der 76-Jährige in der Alten Oper gastierte. Eine italo-amerikanische Symbiose, denn der erfahrene Verdi-Dirigent hat vieles von den plakativen und extrovertierten Profilen des italienischen Opernkomponisten mit dem virtuosen, klangsatten und strahlenden Klang des amerikanischen Spitzenorchesters verschmolzen. Heftig ging es zur Sache bei der sinfonischen Dichtung „Don Juan“ von Richard Strauss. Durch die amerikanischen, pistolenschussartigen Klangsalven wurde man gleich belehrt, dass hier ein erotischer Bellizismus sondergleichen am Werk zu sein scheint. Im Krieg und in der Liebe, wo alles erlaubt ist: Der Gedanke lag nahe bei den virilen Überrumpelungsattacken, die das Orchester atemberaubend sicher zum Besten gab. Dabei in einer fast teilnahmslos unangestrengt wirkenden Souveränität, die das Bild des ewigen Verführers in den Haltungen seiner orchestralen Übersetzer gut spiegelte.

Trotz aller Turbulenz gab es doch auch die innehaltenden, versonnenen Phasen, und die dann in besonders feinsinniger, an Holzbläserdezenz kaum zu überbietender Weise. Das manchmal in seiner metallischen Panzerung fast lärmende und dank der satten Streichergrundierung wuchtige Klangbild aus Chicago wurde auch Peter Tschaikowskys 4. Sinfonie zuteil, wo im Finalsatz alle Register gezogen wurden. Muti, der im Vergleich zu früher seinen Dirigierstil sehr reduziert hat und genau zu wissen scheint, wo er dem Orchester überhaupt etwas geben muss, legte Wert auf die Partien, wo sich die eher deprimierten, melancholischen Melodiebewegungen ereigneten. Das blendende Chicago-Blech überließ er letztlich sich selbst, das entsprechend bei jeder Gelegenheit auftrumpfte.

Begonnen hatte der Abend mit einem ganz unbekannten Werk aus dem Heimatland Mutis: Alfredo Catalanis „Contemplazione“ aus dem Jahr 1878. Wenn einem der Name Catalani überhaupt etwas sagt, dann nur in Verbindung mit seiner Oper „La Wally“ und eventuell der einen, historischen, Gesamtaufnahme mit Tebaldi, del Monaco, Scotto unter Carlo Maria Giulini. „Contemplazione“ ist ein originelles Werk weiträumig fließender Ausdrucksschmelze, die unter den Bögen der Chicagoer Streicher sehr dickflüssig wirkte. Als Zugabe erklang zuletzt noch einmal Italienisches: Verdis Nabucco-Sinfonia. Mutis Kernkompetenz übersetzt in eine heftig pulsierende Orchestermaschine.

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