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Sang- und klanglos

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Von: Markus Thiel

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Wladimir Putin zeichnet Valery Gergiev mit dem Orden „Für Verdienste um das Vaterland“ aus, 2016.
Wladimir Putin zeichnet Valery Gergiev mit dem Orden „Für Verdienste um das Vaterland“ aus, 2016. © dpa

Valery Gergiev schweigt erwartungsgemäß und verliert seinen Posten bei den Münchner Philharmonikern – und wie nun weiter?

In einer solchen Angelegenheit haben die Münchner Philharmoniker Übung. Auch wenn das vergangene Mal tragische Gründe hatte: Nach dem plötzlichen Tod von Chefdirigent Lorin Maazel im Jahr 2014 musste das Orchester in Windeseile Ersatzdirigenten suchen und fast die gesamte Spielzeit umwerfen. Mit Erfolg. Mehr noch: Das Team um Intendant Paul Müller gewann in dieser schwierigen Phase enorm an Format, Erfahrung und Selbstsicherheit.

Diese drei Tugenden können die Philharmoniker nun, nach dem Rauswurf von Chefdirigent Valery Gergiev, gut gebrauchen. Erwartungsgemäß hat sich der russische Dirigent nicht von Putins Angriffskrieg distanziert, viel weniger: Gergiev hat gar nicht auf das Ultimatum der Stadt München reagiert, das Montagnacht, Schlag 24 Uhr, abgelaufen war. „Es wird damit ab sofort keine weiteren Konzerte der Münchner Philharmoniker unter seiner Leitung geben“, teilte Oberbürgermeister Dieter Reiter am Dienstag um 9.45 Uhr mit.

„Ich hätte mir erwartet, dass er seine sehr positive Einschätzung des russischen Machthabers überdenkt und revidiert“, schreibt der SPD-Politiker. „In der aktuellen Situation wäre aber ein klares Signal für das Orchester, sein Publikum, die Öffentlichkeit und die Stadtpolitik unabdingbar gewesen, um weiter zusammenarbeiten zu können.“ Alles Weitere werde man so schnell als möglich klären.

Das dürfte teuer werden

Dieses „Weitere“ jedoch hat es in sich. Juristisch gesehen kündigt die Stadt den Vertrag mit ihrem Chefdirigenten einseitig auf. Das bedeutet: Sie muss ihn eigentlich bis Vertragsende im Sommer 2025 auszahlen. Zwar wurde über Gergievs Honorar Stillschweigen vereinbart. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei der noch ausstehenden Zahlung um eine Summe im unteren siebenstelligen Bereich handeln dürfte.

Die Philharmoniker verlieren einen Chef, der sich für die finanzielle Ausstattung des Ensembles eingesetzt hat. Überdies war der 68-Jährige eine treibende Kraft bei der Gasteig-Sanierung und der Errichtung der Isarphilharmonie. Vor allem Gergiev war es zu verdanken, dass Star-Akustiker Yasuhisa Toyota die Klang-Ausstattung quasi als Freundschaftsdienst besorgte.

All dies und einige akzeptable Konzerte vor allem im russischen Repertoire plus beste Kontakte zu Super-Solisten wie Daniil Trifonov rangieren auf der Habenseite. Doch da gibt es eben auch anderes: schlecht geprobte Abende, Aufführungen, die am Schmiss vorbeischrammten, ein dadurch überfordertes Ensemble, das sich auch noch oft dem notorischen Zu-spät-Kommer Gergiev fügen musste – und eben jene politischen Haltungen und Fotos mit seinem Gönner Wladimir Putin, die Gergiev nun das Amt kosteten. Das von ihm dirigierte Siegeskonzert 2008 nach dem russischen Krieg gegen Georgien, der von ihm unterschriebene Appell zur Annexion der Krim 2014, die Haltung zu Putins homophober Gesetzgebung, dies und noch mehr rief in der Stadt München bislang nur Stirnrunzeln bis offen geäußerte Kritik hervor. Erst Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine brachten Oberbürgermeister, Stadt und Orchester dazu, die Reißleine zu ziehen.

Und nun? Das nächste mit Gergiev geplante Konzert wäre Bruckners achte Symphonie am 17. März gewesen – ausgerechnet ein Leib- und Magenstück des Ensembles. Nach drei Münchner Abenden hätte sich eine Kurz-Tournee nach Wien und Frankfurt angeschlossen. Für diese Abende und die Konzerte im Mai (mit Abstechern nach Hamburg und Paris) sollten sich Ersatzdirigenten finden lassen. Entscheidender ist aber, wie die Philharmoniker ihre Zukunft gestalten wollen. Bislang vertrauten Stadt und Orchester auf große Namen, mit denen man sich gewissermaßen Ruhm erkaufte. Das betraf die Causa Gergiev, aber auch Lorin Maazel oder James Levine wurden aus diesem Grund als Chefs an die Isar geholt.

Möglich wäre es daher nun, den Schnitt zu wagen. Die Münchner Philharmoniker könnten sich völlig neu definieren und positionieren. Mit einem jüngeren, aufstrebenden Dirigenten oder einer ebenso vielversprechenden Maestra – zumal die großen Namen derzeit ohnehin nicht frei wären. Und dies auch als Abgrenzung zur innerstädtischen Konkurrenz des BR-Symphonieorchesters, das mit Sir Simon Rattle auf einen Altstar vertraut.

Vielleicht ein echter Aufbruch

Der Vorteil der Philharmoniker: Im Gegensatz gerade zum BR-Ensemble haben sie viele Dirigentinnen und Dirigenten ausprobiert. Fast alle der hoch gehandelten Künstlerinnen und Künstler standen hier in den vergangenen Jahren am Pult – auch ein Werk des Intendanten Paul Müller. Fast automatisch rücken daher Dirigenten wie Krzysztof Urbanski aus Polen, Klaus Mäkelä oder Santtu-Matias Rouvali, beide aus Finnland, in den Favoritenkreis.

Hinzu kommt: In den vergangenen beiden Pandemie-Jahren haben sich Image und öffentliches Auftreten der Philharmoniker verändert. Bis zum Ende der Spielzeit sind die Abonnements ausgesetzt. Und immer häufiger sieht man nun sehr junge Gäste in der Isarphilharmonie. Keine Gratis- oder Billigkarten, um den dürftigen Vorverkauf zu kaschieren, seien hier im Spiel, so beteuert man seitens des Orchesters. Tatsächlich verjüngt sich also gerade das Publikum. Außerdem setzt man fast nur noch auf Werbung im Internet oder über Soziale Netzwerke. Hinzu kommt ein sehr gut angenommenes Jugendprogramm. Und auch die Interimsspielstätte in Sendling eröffnet Möglichkeiten, andere, unkonventionelle Formate auszuprobieren.

Dies alles spricht demnach für einen Neuaufbruch der Philharmoniker, der die Besetzung des Chefpostens einbezieht. Im Rückblick könnte es daher einmal heißen: Mit seiner Nicht-Äußerung zu Putin hat Gergiev den Philharmonikern einen letzten Dienst erwiesen.

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