Schlachthof Wiesbaden

(Sandy) Alex G: Die Wiederkehr des Slackers

  • vonTim Gorbauch
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(Sandy) Alex G ballert im Schlachthof in Wiesbaden seine Songs weg.

Vor Jahren schien es, als würde er jeden Monat ein neues Album auf Bandcamp hochladen. Fantastische Sammlungen hingeworfener, oft unfertiger Skizzen, die mehr Idee waren als Songs. Alex Giannascoli, besser bekannt als (Sandy) Alex G, wollte nie jemand sein, der etwas ausarbeitet und zu Ende bringt. Im Studio tage-, wochenlang an Sounds zu feilen, sich in die unendlichen Möglichkeiten verschiedenster Plug-Ins und Effektboards zu verlieren, überhaupt nicht sein Ding. Und auch wenn sein letztes von jetzt schon acht Alben, „House of Sugar“, fast schon elaborierten Lo-Fi-Charme erkennen lässt – für einen Slacker wie den 27-jährigen Songwriter aus Philadelphia zählt die Idee von Perfektion wenig.

Wer also im Schlachthof in Wiesbaden ein irgendwie austariertes, vielleicht sogar klanglich raffiniertes Konzert erhoffte, lag so was von falsch. Es geht vor allem laut zu. Und laut. Und laut. Ein Rock-Quartett in Grunge-Stimmung steht auf der Bühne, angetrieben von einem fast brutal halligen Schlagzeug, dazu klirrende Gitarren, Bass, Keys und Huey-Lewis-artiger 0815-Stadion-Rockgesang. Das macht manchmal sogar Spaß, gerade zu Anfang, als man dachte, da könnte noch etwas anderes kommen. Doch (Sandy) Alex G lässt knapp 75 Minuten lang alle Feinheiten, Ambivalenzen und Zwischentöne konsequent wegballern. Himmel.

Zur Erinnerung. Gehandelt wird er als Wiederkehr Elliott Smiths, als begnadetes Songwritertalent mit Gespür für die kleine, große, melancholische, sehnsüchtige Melodie. „Gretel“, die Hitsingle seines neuen Albums, war in jeder relevanten Jahresbestenliste 2019 zu finden und ist ein grandioser, vertrackter, im besten Sinne weirder, mit allen möglichen Genres jonglierender, postmoderner, sperrig-verspielter, rumpelnder Song, auf den auch Ariel Pink stolz wäre. Doch von all dem ist in Wiesbaden kaum etwas zu spüren.

Möglich, dass (Sandy) Alex G live einfach auf die gute alte breitbeinige Wall of Sound steht. Wahrscheinlicher aber ist es die Gleichgültigkeit des Slackers, die hinter all dem steht – die ostentative Lust, Zeit und Talent zu verschwenden. Das ist natürlich eine vollkommen plausible, ehrbare Position. In diesem Fall aber tut es einem um die irrsinnig schönen, irrlichternden Songs leid.

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