Samuel Mariño.
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Sopranist

Samuel Mariño „Care pupille“: Natürlich hoch

  • vonStefan Schickhaus
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Wie Sopranist Samuel Mariño Händel und Gluck singt – und wo man auch hier Corona begegnet.

Gerade erst hat der argentinische Countertenor Franco Fagioli ein beeindruckendes CD-Album mit spätbarocken Opernarien aufgenommen, das seine am italienischen Belcanto geschulte, Mezzosopran-hohe Stimme perfekt zur Geltung bringt, da legt sein ebenfalls südamerikanischer Kollege Samuel Mariño noch zu. 26 Jahre ist der noch eine Spur jünger wirkende Lockenkopf alt, er stammt aus Venezuela – „ich glaube, dass wir Venezolaner ein barockes Volk sind, weil wir so spontan und so verschieden voneinander sind“, sagt er in einem Promo-Video für die CD „Care pupille“.

Während nun Fagioli und alle im Countertenor-Fach Singenden die Falsettstimme kultiviert haben, um die entsprechende Höhe zu erreichen, nutzt Mariño eine Laune der Natur: Da er nie in den Stimmbruch gekommen ist, hat er sich einen natürlichen Knabensopran bewahrt, dem er aber den Körper und die Kraft eines erwachsenen Mannes zur Verfügung stellen kann.

Im Grunde ist dies das Ideal, das einst die Kastraten des 17. und 18. Jahrhunderts ausmachte. Bei ihnen wurde durch einen nicht ungefährlichen operativen Eingriff der Stimmbruch verhindert – ungezählte Knaben mussten diese Prozedur über sich ergehen lassen, einige wenige wurden die absoluten Stars der Opernszene.

Das Album

Samuel Mariño/ Händelfestspielorchester Halle: Care pupille. Orfeo.

„Schule war sehr hart für mich, weil sich alle über meine Stimme lustig gemacht haben“, bekennt der auch in Knabenhöhe sprechende Mariño. Er habe sogar mittels Therapien versucht, die Stimme tiefer zu bekommen, was so schmerzhaft wie erfolglos gewesen sei. Seine Familie habe ihn, der Balletttänzer werden wollte, dann in Richtung Barockgesang gelotst – ein Ummünzen des physischen Defizits in einen unschlagbaren Vorteil sozusagen.

Heute lebt der in Caracas und Paris ausgebildete Sopranist in Berlin, singt vor allem Barockpartien und lässt sogar die staunen, die in Sachen männlichen Hochton-Gesangs schon alles gehört zu haben glaubten. So klar, so bruchlos, so intensiv schön: Samuel Mariño geht mit seinem einzigartigen Stimmmaterial einfach hochmusikalisch um.

Der programmatische Grundgedanke für die Gegenüberstellung von Opernarien von Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck auf dieser CD ist ein historischer Termin. Beide Komponisten trafen am 25. März 1746 bei einem Konzert in London aufeinander – Händel als Altmeister, sein 30 Jahre jüngerer Kollege als Bewunderer. Komponiert wurden sämtliche Arien für Kastraten, darunter für den 22-jährigen Gioacchino Conti, den einzigen, für den Händel die Spitzentöne bis zum dreigestrichenen c hochschrauben konnte.

So wirkungsvoll die Händel-Arien des Albums auch sind, die von Gluck stehen an Reiz und Zauber in nichts nach. Benannt ist die CD – eingespielt mit dem Händelfestspielorchester Halle unter Michael Hofstetter – nach der Gluck-Arie „Care pupille“, die hier zum ersten Mal aufgenommen vorliegt.

Noch ein paar Aufmerksamkeitspunkte mehr hätte das Album vielleicht bekommen, wäre jenes Werk zum Titelgeber geworden, aus dem die vorletzte Arie stammt. Es handelt sich um eine „Azione teatrale“, die Gluck 1765 zum Namenstag des Kaisers komponierte, sie heißt: „La Corona“.

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