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Für sie kann es auch klanglich heikel sein: Somi.

hr-Bigband

Von Harlem singen

  • vonHans-Jürgen Linke
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Ein afroamerikanischer Liederabend mit Somi und der Bigband des Hessischen Rundfunks.

Heilig ist ein Raum durch das, was in ihm geschieht oder geschehen ist. Was solche Heiligkeit allerdings bedeutet, wird oft erst klar, wenn der Raum nicht mehr seinem Zwecke gemäß genutzt werden kann.

Für die Sängerin Somi, die in Chicago geboren wurde, familiäre Wurzeln in Ruanda und Uganda hat und an der University of Illinois Anthropologie und Afrikanistik studierte, wurde der Große Saal der Frankfurter Alten Oper zum heiligen Raum durch ihre Begegnung mit der Bigband des Hessischen Rundfunks. Auch ein Konzertsaal kann ein heiliger Raum sein.

Für Somi war es das erste Mal, dass sie mit einer Bigband auftrat. Und auch für die hr-Bigband war die Erfahrung, mit Somi auf der Bühne zu arbeiten, durchaus nicht alltäglich, denn auf den Notenpulten lagen keine der sonst üblichen originellen Arrangements aus dem Formenkreis des Jazz, mit denen die Musiker sonst meist befasst sind, sondern klanglich heikle, rhythmisch und metrisch raffinierte, dynamisch nuancierte und abwechslungsreiche Begleitmusiken für eine spezielle Art Liederabend. Ja: Liederabend.

Das Album:

Somi & hr-Bigband: Holy Room. Somi Live At Alte Oper Frankfurt ... Salon Africana.

Das Material, das sich auf dem Mitschnitt dieses erstaunlichen Abends befindet, fügt sich nicht in das, was man von einem Bigband-Konzert mit Sängerin erwarten kann. Es gibt keine Standards, kein Great-American-Songbook-Material, keine Hommage an eine der großen Vokalistinnen der Jazzgeschichte. Stattdessen eine afroamerikanisch akzentuierte Auswahl von Songs – mit Texten, die das Selbstverständnis und das Lebensgefühl afrikanischer Immigranten in Harlem thematisieren („Black Enough“, „Holy Room“), das Frauenbild („Lady Revisited“ nach einem Song von Fela Kuti), die Reaktionen auf das eigene prekäre Leben („Two Dollar Day“) oder spirituelle Trostversprechungen („Like Dakar“) aufgreifen. Das alles in einer höchst eigenständigen Stilistik, in der sich zitathaft vorüberziehend Popmusik, Soul, amerikanische Song-Tradition, erzählende afrikanische Gesänge begegnen und – eben: das Kunstlied.

Der heilige Raum Konzertsaal

Die Arrangements stammen von dem Pianisten, Arrangeur und Dirigenten John Beasly, der für so unterschiedliche Musiker wie Miles Davis, Steely Dan und die Spice Girls gearbeitet hat. Was er der Bigband zumutet, sind Stücke von einer klanglichen Subtilität und Prägnanz, die sich weit jenseits jeglicher Jazz-Idiomatik bewegen und erhebliche Präzision und Disziplin in der Wiedergabe erfordern. Wie die hr-Bigband das meistert, ist bemerkenswert und zeichnet sie als kompetenten Klangkörper mit originellen und virtuosen Solisten aus; am Klavier hört man als Gastsolisten Toru Dodo, an der Gitarre Herbé Samb.

Konzertsäle sind zurzeit ganz besonders heilige Räume, was schmerzlich erfahrbar wird anhand der Unmöglichkeit, sich in diesen pandemischen Zeiten an normalen Konzertereignissen zu freuen. Wer dabei war im Mai 2019, als Somi im Großen Saal der Alten Oper ihre Begegnung mit der Bigband zelebrierte, kann sich an ein Ereignis erinnern, das jetzt, nicht zuletzt durch seine Dokumentation auf einer Doppel-CD, heiliggesprochen wurde.

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