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In Memoriam des bekannten Pink-Floyd-Covers schwebt ein Schwein über der Londoner Battersea Power Station.

CD Pink Floyd "The Endless River"

Die Ruinen von Pink Floyd

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Seit 30 Jahren ist Pink Floyd tot. Jetzt erscheint ein neues Album, angeblich endgültig das letzte: "The Endless River" beschwört den Geist des Keyboarders Rick Wright herauf.

Seit sechs Jahren ist der Pink-Floyd-Organist Rick Wright tot. Seit 30 Jahren ist Pink Floyd tot. Jetzt ist ein neues Pink-Floyd-Album erschienen, angeblich endgültig das letzte. Aber man weiß ja nie, was diese Engländer noch alles aus der eigenen Vergangenheit fischen.

Für ihr jüngstes Werk haben sich Wrights Bandkollegen David Gilmour (Gitarre) und Nick Mason (Schlagzeug) auf Gilmours Hausboot in London zusammengesetzt. Da hörten sie sich an, was vor 20 Jahren von den Sessions zum bis dato letzten Album „The Division Bell“ an Material übrig geblieben war, stellten die Versatzstücke neu zusammen, komponierten manches hinzu, um es tauglich für das nächste Jahrhundert zu machen, und gaben dem Produkt den Titel „The Endless River“. Es ist leider nicht gut geworden. Oder, um es differenziert zu sagen: Wer Hintergrundmusik für seine Wellness-Oase oder seinen Eso-Laden sucht, könnte die neue Pink-Floyd-Platte mögen. Wer alte Pink-Floyd-Platten mag, eher nicht. Die britische Presse findet den „Endlosen Fluss“ teils nichtssagend, teils – endlos.

Dabei klingt „The Endless River“ durchaus an vielen Stellen nach den berühmten Vorgängern, manchmal so sehr, dass es schon fast wirkt wie bei sich selbst geklaut. Da gibt es die moosigen Klangteppiche aus Rick Wrights Nachlass, Gilmours epische Soli, da kärrängt hier und da ein Gitarrenakkord ins Arrangement. Aber du kannst es so oft hören, wie du willst – am Ende steigst du doch immer wieder aus dem Auto aus und singst „Welcome To The Machine“ oder „Us And Them“ oder „Shine On You Crazy Diamond“. Die Originale eben.

Im Original flog auf den Platten mal eine Tür zu, dass es dir im Kopfhörer das Hirn von links nach rechts gelutscht hat, und dann kam ein Hubschrauber durchgeflogen, der es wieder zurück nach links und dann von oben nach unten zentrifugierte. Es schrillten tausend Wecker auf einmal, es klingelten Kassen, es war eine Sensation für die Ohren. Jetzt fieselt über den vertrauten Keyboards noch etwas Zusätzliches, so ein Sound, Entschuldigung, aber ein Sound wie im ZDF, während im Ersten der Tatort läuft. Das Lied „Anisina“: Rosamunde Pilcher, weichgespült. Passend dazu das Foto auf dem Cover – ein Mann, der mit wehendem Hemd in einem Boot durch ein Wolkenmeer in die Dämmerung treibt. Pardon, Ms Pilcher. Das hätte sich die Schnulzenschreiberin nicht getraut.

Schnarrende Seiten

Manchmal glaubt man, etwas interessantes Neues zu hören. Eine schnarrende Nylonsaite mitten in Gilmours Ebow-Gitarrenstrom? Es stellt sich als Synthie-Effekt heraus. Aber eine gute Passage ist die Dreierreihe aus den Liedern „Allons-Y (1)“, „Autumn (68)“ und „Allons-Y (2)“. Und die Idee, die 18 zumeist kurzen Stücke der CD wie auf einer Doppel-LP zu unterteilen („Side 1“ bis „Side 4“), ist ein charmanter Rückgriff auf einst. Das Ganze soll ja ein Tribut an Rick Wright sein. „Die letzte Chance, ihn mit uns spielen zu hören“, sagt der 68-jährige Gilmour.

Der Gitarrist bat seine Frau, die Schriftstellerin Polly Samson, die Musik anzuhören und die Texte zu liefern. Was sagte sie? Das Album brauche keine Worte, es sei interessanter, sich auf die Musik zu konzentrieren. Polly Samson schrieb also nur einen einzigen Text: „Louder Than Words“, für das letzte Lied auf der CD. Er beschäftigt sich damit, was die drei miteinander hatten, Gilmour, Mason und Wright, bei ihrer Session. Vor all den Jahren. Der Text kann aber ebenso gut als Botschaft an Roger Waters verstanden werden, den Bassisten, der mit dem Rest der Band seit so langer Zeit so heftig zerstritten ist: „Die Summe unserer Teile, der Schlag unserer Herzen ist lauter als Worte.“ Eine Pink-Floyd-Platte ohne Roger Waters ist nach wie vor eine traurige Platte.

Die zweite Stimme, die auf „The Endless River“ zu hören ist, gehört Stephen Hawking, dem Physiker – auch dies ein Überbleibsel der Aufnahmen aus den 90er Jahren. Hawking hält in dem Song „Talkin’ Hawkin’“ eine Laudatio auf den Wert der Sprache und des Sprechens, auf das, was Worte bewirken, wenn man bloß miteinander spricht. Das alles sagt der Computer, der dem am Nervensystem erkrankten Hawking das Sprechen abnimmt.

Der Fernsehsender Arte zeigte kürzlich das Konzert, das Pink Floyd 1971 in den Ruinen von Pompeji gab: kraftvolle, inspirierte Musik von bärtigen jungen Männern. Wer jetzt auf die Internetseite der Ruinen von Pink Floyd geht und ihr letztes Werk bestellen will, wird direkt zu Amazon weitergeleitet. Das Album hört mit derselben kleinen Melodie auf, mit der es anfängt. Eigentlich ist es eine ganz muntere kleine Melodie.

Pink Floyd: „The Endless River“, Parlophone/Warner.

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