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George Michael, 2011.

George Michael

Der Ruhm und die Traurigkeit

George Michael, der als Teenie-Popper begann, als Weltstar immer wieder aus der Spur geriet und jetzt 53-jährig gestorben ist, hat diese Weihnachten unser Herz gebrochen.

Von Christian Bos

Im Herbst des Jahres 1982 schien das kurze kreative Hoch der britischen Popmusik schon wieder vorbei. Zwei braungebrannte Popper, offene Lederwesten, hochgerollte Karottenjeans, Espadrilles, hüpften in unbedarfter Lebensfreude über die Bühne der Hitparaden-Show „Top of the Pops“, und rappten über die Freuden des konsequenzlosen Single-Lebens.

Mit Wham!, dem Duo aus dem singenden, komponierenden und produzierenden George Michael und seinem Jugendfreund Andrew Ridgeley, der nur froh war, dabei zu sein, schien der Thatcherismus endlich auch in der Popmusik angekommen. Schlimm, aber das war der Geist der Zeit. Als Michael sich kurz darauf im Video zu „Club Tropicana“ im weißen Badehöschen am Pool aalte, schien er noch die gröbsten Klischees bestätigen zu wollen.

Aber selbstredend war das alles nicht so einfach. Der Hedonismus, den Wham! in ihren ersten Singles, „Wham Rap! (Enjoy What You Do)“ und „Young Guns (Go For It!)“, anpriesen, barg die Resignation von arbeitslosen Jugendlichen – wenn man schon auf absehbare Zeit viel Freizeit hat, kann man sie doch ebenso gut genießen. Und „Club Tropicana“? War eine Satire auf die allzu billige Flucht eines Cluburlaubs.

Unter ihrer blank polierten und frisch blondierten Oberfläche zeigten George Michaels Songs immer deutlicher ihre schöne, schwarze Seele. Der Sohn eines griechischen Gastronoms und einer englischen Tänzerin, geboren als Georgios Kyriacos Panayiotou, beherrschte scheinbar instinktiv die Kunst, unwiderstehliche Popsongs zu schreiben, voller mitpfeifbarer Melodien und acht-taktiger B-Parts, die diese kunstvoll konterkarieren. Und er war mit seiner extracremigen Blue-Eyed-Soul-Stimme auch der bestmögliche Interpret seiner Lieder. Als Kind hatte er die griechischen Platten seines Vaters ignoriert, stattdessen die zwei Supremes-Singles des Haushalts obsessiv abgespielt.

Wham!-Videos mochten dem ungebremsten Materialismus der 80er Jahre frönen – das Chalet in Saas Fee in „Last Christmas“, ein Wasserflugzeug im Hafen von Miami in „Careless Whisper“ – doch die Songs behandelten die klassischen Soul-Themen von gebrochenen Herzen und später Reue. Mit „Careless Whisper“ annoncierte sich Michael als Solostar, der Übergang vom Teenie-Idol zum Mainstream-Star gelang ihm scheinbar mühelos. Wham! trennten sich im Guten, nachdem sie als erster westlicher Pop-Act durch China getourt hatten, und verabschiedeten sich mit einem triumphalen Abschiedskonzert im Londoner Wembley Stadion. Kurz darauf erschien „I Knew You Were Waiting“, ein Duett mit der von Michael verehrten Aretha Franklin.

Die Welt hatte in der Tat auf George Michael gewartet. „Faith“, sein selbstgeschriebenes, selbstproduziertes und zum großen Teil selbsteingespieltes Solodebüt, verkaufte sich in Millionenstärke, vier Singles des Albums erreichten die Spitzenposition der amerikanischen Billboard-Charts. Michael freute sich indes am meisten darüber, dass er auch in den Black-Album-Charts auf der Nummer Eins stand. Fortan zeigte er sich nur noch mit Bart, als Zeichen seiner der Abkehr von seinen Bravo-Starschnitt-Tagen. Dass die Geschichte waren, hätte man auch den Texten seiner neuen Songs entnehmen können, und nicht nur dem – damals – kontroversem „I Want Your Sex“.

Doch dass die Adressaten seiner Liebe, seiner Lust und seines Bedauerns durchweg Männer waren, behielt er lieber für sich. Noch zu Wham!-Zeiten hatte er Andrew Ridgeley und einigen anderen engen Freunden eröffnet, dass er bisexuell sei. Er war es nicht. Doch ein Coming-Out kam für den Mittelklasse-Jungen aus dem Londoner Nordwesten nicht in Frage, nicht, so lange seine Mutter noch lebte. Es war eine andere Zeit, Elton John war offiziell noch mit einer deutschen Tontechnikerin verheiratet, und Freddie Mercury nahm ein paar Schritte Abstand, wenn er mit seinem Freund in der Öffentlichkeit unterwegs war. Später würde Michael beim großen Gedenkkonzert zu Ehren des verstorbenen Mercury dessen Stelle einnehme, als natürlicher Nachfolger. Schon als Jugendlicher hatte er in der Londoner U-Bahn Queen-Songs für Kleingeld gesungen.

Er war jetzt der größte Star Großbritanniens, er hatte die USA erobert und den Rest der Welt. Doch der Ruhm setzte ihm zu, ließ ihn ausgelaugt und isoliert vom Rest der Welt zurück. Ray-Ban-Brillen, Lederjacken und Drei-Tage-Bärte waren nur Teile eines Kostüms, hinter dem sich der wahre George Michael verstecken konnte.

„Mein Name ist Georgios Kyriacos Panayiotou“, schrieb er in seiner frühen Autobiografie „Bare“ (da war er 27 Jahre alt), „aber für die Außenwelt bin ich etwas völlig anderes, und werde es immer sein.“ „Something else“, nicht „somebody“, als wäre „George Michael“ nur ein Produkt, eine Ware.

Für sein nächstes Album „Listen Without Prejudice, Vol.1“ verweigert Michael jegliche Werbeaktivität, gab keine Interviews, verzichtete auf eine Tournee, für „Faith“ hatte er noch 137 Konzerte in nur 16 Monaten gegeben. Im Video zu „Freedom! 90“ ließ er Supermodels an seiner Stelle die Lippen zum Gesang bewegen. Der verkündet, dass er lieber an seine Freiheit festhalten will, statt die Forderungen zu erfüllen, welche die Welt ihm stellt.

Aber die Freiheit forderte ihren Preis, „Faith“ hatte sich 25 Millionen Mal verkauft, „Listen Without Prejudice“ nur acht Millionen Mal. Michael sah die Schuld bei seiner Plattenfirma Sony und strengte eine vielbeachtete Millionenklage gegen das Unternehmen an – ungefähr zu der Zeit, als Prince auf ganz ähnliche Weise gegen seine Plattenfirma Warner Bros. rebellierte.

Michael verlor den Prozess und rächte sich, indem er die Arbeiten zum Nachfolgealbum „Listen Without Prejudice Vol.2“ abbrach und die bereits fertigen Songs einem Aids-Wohltätigkeitsprojekt schenkte.

Im gleichen Jahr war sein Freund, der Brasilianer Anselmo Feleppa, an den Folgen des HIV-Virus gestorben. Den Sänger warf es aus der Bahn, abseits des Ruhms schienen nur Depressionen zu warten, und Drogen, um die Depressionen zu betäuben.

Für sein nächstes Album, „Older“, benötigte er drei Jahre, die Trauer hatte ihn gelähmt. Dessen erste Single, die im wehmütigen Bossa-Nova-Rhythmus swingende Ballade „Jesus to a Child“, widmete er Feleppa. Dann starb seine Mutter, und die Depressionen kehrten zurück.

Schließlich wird George Michael in einer öffentlichen Toilette im Will Rogers Memorial Park von Beverly Hills wegen „unzüchtigen Verhaltens“ verhaftet. Er ist einem Undercoverpolizisten in die Falle gegangen. Eigentlich eine Lappalie, eine würdelose Aktion der Polizei zudem, doch der Musiker wirkt nach diesem Outing wie befreit, spricht in Interviews davon, wie er die Situation selbst unbewusst heraufbeschworen habe, und zeigt sich im Video zu „Outside“, der Single zum Skandal, als fröhlich mit dem Knüppel schwingender Polizist.

Der Druck der Konformität war endlich von ihm abgefallen, der Mainstream konnte ihn mal. Und seine Konzerte fanden immer noch in ausverkauften Arenen statt, zusätzliche Einnahmen aus Plattenverkäufen hatte er schlicht nicht mehr nötig. Einen genüsslich ätzenden Anti-Irakkriegs-Song wie „Shoot the Dog“ – im animierten Video tritt der britische Premier Tony Blair als Schoßhündchen des US-Präsidenten George W. Bush auf – hätte er vor dem Toiletten-Vorfall wohl kaum veröffentlicht.

Leider schwand mit dem Erfolgsdruck aber auch Michaels kreative Hochphase. Sein Leben schien zunehmend neben der Spur zu verlaufen. Anfang des neuen Jahrtausends wurde er häufiger bekifft am Steuer erwischt, als dass er neue Musik veröffentlichte. Nachdem er 2010 unter Drogeneinfluss seinen Rover in das Ladenlokal eines Fotogeschäfts gelenkt hatte, musste er als Wiederholungstäter vier Wochen in Haft.

Sein selbstverletzender Lebensstil begann sich schließlich auch auf seine Gesundheit auszuwirken. Im November 2011 wurde er in Wien zwei Stunden vor Konzertbeginn mit Brustschmerzen in ein Krankenhaus eingeliefert, die Ärzte diagnostizierten eine schwere Lungenentzündung, und eine Nacht lang sah es so aus, als würde er sie nicht überleben.

Das konsequenzlose Glück, von dem er als junger Mann gerappt hatte, es war ihm nicht vergönnt, und leider, so scheint es, auch kein anderes, nachhaltigeres. Georgios Kyriacos Panayiotous Herz hat am 25. Dezember in seinem Haus in Goring-on-Thames in Oxfordshire im Schlaf aufgehört zu schlagen. Er soll ganz friedlich gestorben sein, im viel zu jungen Alter von 53 Jahren. Diese Weihnachten hat er unser Herz gebrochen.

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