+
Hans-Klaus Jungheinrich 2011.

Hans-Klaus Jungheinrich

Rückhaltlose Hinwendung

  • schließen

Zum Tod des FR-Musikkritikers Hans-Klaus Jungheinrich.

Plötzlich und unerwartet – eine Wort-Kombination, die geradezu klischeehafter Bestandteil einer Todesbotschaft ist: Ich habe sie/ihn doch vor kurzem noch gesehen, sie/er war wie immer! Es gibt verschiedene Abstufungen von Plötzlichkeit und Nicht-Erwartet-Haben. Hans-Klaus Jungheinrich ist gestorben, so plötzlich und so unerwartet, dass es für alle, die ihn kannten, aus welcher Nähe oder Distanz auch immer, ein tiefer Schock ist. Er war doch gerade noch bei den Bach-Konzerten! Vor ein paar Tagen in der Oper! Wir haben doch gerade noch von ihm gelesen, über Olga Neuwirths „Lost Highway“ in Frankfurt, über Kurtágs „Fin den Partie“ in Mailand! 

Wir sind aus allen Wolken gefallen, auch aus den metaphorischen, in denen wir uns so gern mit ihm herumgetrieben haben, in denen man mit ihm gesprächsweise unterwegs sein konnte wie mit nur wenigen. Immer mit dieser mitreißenden Leichtigkeit und zugleich der profunden Erdung der Gedankengänge und -flüge, dieser einzigartigen Verbindung von diesseitig-kritischer Potenz und der Fähigkeit, Horizonte hinter sich zu lassen. Dieser bergsteigerhaften Lebens-, Denk- und Bewegungsfreude.

Niemand, der Hans-Klaus Jungheinrich vor der Oper, vorm Konzert oder in den Pausen traf, konnte übersehen, wie sehr er sich da zu Hause fühlte, in der Musik und im Musiktheater. Wie ein Fisch im Wasser. Seine gesamte umfangreiche und stets polyphone publizistische Arbeit ist durchzogen von diesem grundsätzlichen Gefühl, dass es ohne die beiden Künste, die es für die Musik braucht, also die kreierende und die aufführende Sparte des Betriebs, kein wirklich sinnreiches, erfülltes Leben geben könne. 

Zuneigung zum Gegenstand

Eindrucksvolle Lese-Erlebnisse bereiteten seine Texte, wenn man in der gleichen Vorstellung, im gleichen Konzert gewesen war. Man konnte erstaunt feststellen, was alles man überhört oder übersehen hatte. Vernehmbar war immer die Zuneigung zum Gegenstand. Das galt nicht nur für die zustimmend beschreibenden Texte, auch für die kritischen Einwände, die er prägnant formulierte und präzise zu begründen wusste. Jedes entnervte, brillant verbalisierte Kopfschütteln war von der Überzeugung geprägt, dass alles nur sinnvoll sein könne, wenn man es so gut wie möglich machte und auf dem aktuellen Stand der Dinge und Fähigkeiten halte. Kritik legitimierte sich für ihn nur durch die rückhaltlose Hinwendung zum kritisierten Gegenstand. 

Ganz besonders galt das für seine Buchveröffentlichungen. In ihnen war er mit dem Temperament eines Erzählers unterwegs, bestrebt, etwas mit Anfang und Ende zu schaffen und einem gut nachvollziehbaren Weg dazwischen. Hans-Klaus Jungheinrich konnte generös übergreifende Einblicke aufweisen, die gleichwohl immer in Einzelheiten verankert waren, gern ließ sich HKJ begeistern und konnte seine Begeisterung nachvollziehbar machen. Als Gepäck trug er dabei immer das kritisch geschärfte Reflexionsvermögen eines gebildeten Wissenschaftlers mit sich. 

Ja, man konnte viel von ihm lernen, wenngleich er nie auch nur den Ansatz eines Versuchs unternahm, jemandem etwas beizubringen. Seine öffentliche Existenz kam ohne Eitelkeit aus und war begleitet nur von bündigen biografischen Informationen in Klappentexten und Internet-Portalen, etwa beim Preis der Schallplattenkritik oder bei Faust-Kultur - vor allem in der FR. Zu erfahren ist: 

Geboren 1938 in Bad Schwalbach, studierte 1958-62 Komposition und Dirigieren in Darmstadt und Salzburg. Ab 1960 als Musikpublizist und Rundfunkautor tätig. Von 1968 bis 2003 Feuilletonredakteur und Musikkritiker bei der FR, seitdem freier Autor. Organisator einer Reihe von Symposien, Herausgeber einer Reihe von Komponistenmonographien im Schott-Verlag, Mainz. Buchveröffentlichungen mit den Schwerpunkten Oper, Dirigenten, Neue Musik. 2011 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main.

Einen gewichtigen Teil seiner öffentlichen Existenz verdankt Hans-Klaus Jungheinrich der Frankfurter Rundschau, und das Feuilleton der Frankfurter Rundschau seinerseits verdankt ihm einen gewichtigen Teil seines nachhaltigen Rufs. Als er 1968 Redakteur der Zeitung wurde, schickte sie sich an, mit linksliberalem Profil zum gedruckten Exponenten einer neu entstandenen politischen Öffentlichkeit zu werden. 

In der Großen Eschenheimer Straße fand sich im Feuilleton eine Dreierbande ein, zuweilen ironisch als „Prinzengarde“ tituliert, die aus Hans-Klaus Jungheinrich, Wolfram Schütte und Peter Iden bestand und das Ressort zu einer überaus hör- und lesbaren Stimme in der bundesdeutschen Kulturlandschaft machte. Es war die Zeit, als ein kleiner, aber unübersehbarer Teil der außerparlamentarischen Linken begann, Kultur als Arbeitsfeld zu entdecken. Das Zeitungs-Feuilleton erfand sich neu. 

Im Kulturbetrieb, besonders übrigens in Frankfurt, wehte ein neuer Wind, und in der Redaktion sorgte Hans-Klaus Jungheinrich für eine Ausweitung des rezensions- und reflexionsrelevanten Musikbegriffs. Jazz wurde ernster genommen, Neue Musik erhielt ihren hervorragenden Platz, aktuelle Popmusik drängte ins Feuilleton.

Andere Zeiten haben begonnen.

Und jetzt? 

Sein graubärtig strahlendes Lächeln wird uns fehlen. Seine An- und Abwesenheiten. Seine Pausen-Pointen. Wir stehen da, allein und zurückgelassen. Ach, und erinnert ihr euch an den Zigarrenduft im Redaktionsflur? 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion