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Rudolf Buchbinder mit den Wiener Symphonikern. 

Beethoven

Rudolf Buchbinder in der Alten Oper Frankfurt: Die Logik der Musik

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Rudolf Buchbinder und die Wiener Symphoniker mit Beethovens fünf Klavierkonzerten in der Alten Oper.

Rudolf Buchbinder hat im Interview schon darauf hingewiesen, dass er ohnehin immer Beethoven spiele und das soeben begonnene Jubeljahr zum 250. Geburtstag insofern keinen großen Unterschied für ihn mache. Die Frequenz, mit der er in diesen Monaten mit den fünf Klavierkonzerten in Wien (dort in einer zu Saisonbeginn gestarteten eigenen Reihe, mit unterschiedlichen Orchestern und Dirigenten) und anderswo zu erleben sein wird, ist gleichwohl überdurchschnittlich.

Eine vielfach erprobte, in der Ballung aber wieder imposante Kombination war jetzt bei zwei aufeinanderfolgenden Pro-Arte-Konzerten in der Alten Oper Frankfurt zu erleben, wo der 73-Jährige gemeinsam mit den Wiener Symphonikern das 2., 4. und 3., dann das 1. und 5. Klavierkonzert spielte. Sollte das eine Anstrengung für den Musiker darstellen, ließ er es sich nicht anmerken.

Zur Sache

Wer allmählich begreift, dass es in diesem Jahr Beethoven komplett zu hören gilt, blickt auch auf den „Beethoven-Zyklus“, den die Frankfurter Museumsgesellschaft im Rahmen ihrer Kammermusikkonzerte im Mozart-Saal der Alten Oper anbietet: Sämtliche Streichquartette mit dem Quatuor Ébène, Start ist am 20. Februar, Teil VI beendet die Reihe am 26. November.
www.alteoper.de

Buchbinder am Klavier, das ist die Ruhe in Person, die leichthändige und doch korrekte Geläufigkeit, die hellwache Routine, die schöne Ökonomie, das antiexaltierte Virtuosentum, dazu eine vorbildliche Haltung. Selbst Buchbinders Lässigkeit, und er ist durchaus lässig, hat einen Anstand und eine Diskretion. Auch bedeutet Routine in diesem Fall ausschließlich Sicherheit, Zeit für Finesse und das Vergnügen an der minimalen Abweichung (das Orchester dann flugs hinterher). Buchbinders Beethoven relativiert sehr höflich, aber sehr konsequent die Vorstellung von der geradlinigen Entwicklung innerhalb der Klavierkonzerte. Ebenbürtig sind die mittleren Nummern, und selbst im Ersten zeigt der Solist zumindest nicht weniger Freude am Detail als im Fünften. Dass Beethoven für das zeitgenössische Publikum ein Star, aber auch ein Berserker und Revolutionär war, ist nicht zu hören, wenn Buchbinder spielt. Dadurch wirkt sein Spiel umso unangestrengter und womöglich ehrlicher.

Konzerten ohne Dirigent fehlt offensichtlich etwas, dafür bekommt man aber eine Unmittelbarkeit des Musizierens geboten, die sich in Frankfurt in aller Faszination und gelegentlichen Kuriosität zeigt – selbstverständlich ist es lustig, wenn ein Dirigent nur dann dirigiert, wenn er zwischendurch die Hände frei hat, während das Orchester in der übrigen Zeit dokumentiert, dass es auch so vorzüglich zurechtkommt. Es ist wie ein selbstfahrendes Auto, bei dem jemand gelegentlich das Lenkrad festhält.

Nein, es ist natürlich nicht wie ein selbstfahrendes Auto. Denn vor allem ist ein Orchester – und die Wiener sind es in sympathischer Ausprägung – ein komplexer Organismus, der unter der Logik der Musik sogar ohne übermäßig eindeutige Blickkontakte auskommt. Auch die Konzertmeisterin bleibt im Glied. Wo sie Orientierung bietet, tut sie es ohne sichtbaren Aufwand. Die auf sich selbst, nein, die auf Beethovens Musik gestellten Musiker arbeiten mit einer Konzentration, die auch das Eingespieltsein und die Routine spannend macht.

Es gibt Passagen im 5. Klavierkonzert, bei denen zweifellos erst ein Dirigent die Streicher zu der elastischen Zartheit und Dynamik geführt hätte, die hier möglich und nun nicht zu hören ist. Wie das Fünfte insgesamt das Konzept an seine Grenzen bringt (ohne dass man es sich anders wünschte). An anderen Stellen sind es gerade die winzigen Einschränkungen in der Exaktheit – nicht beim Solisten, sondern im selten wabernden Tutti –, die dem zugabefreien, hochkonzentrierten und hochdosierten Programm zusätzliche Lebendigkeit geben.

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