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Der Glückliche und die Kluge: „Die verkehrte Braut“ mit der Kammeroper Frankfurt.

Palmengarten

Rossini mit der Kammeroper Frankfurt: Man sieht, was man glaubt

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Grandiose Musik, beknackte Handlung, interessanter Kern: Die Kammeroper Frankfurt zeigt in der Orchestermuschel im Palmengarten „Die verkehrte Braut“ von Rossini.

Eine der lässigsten E-Musikveranstaltungen im Frankfurter Hochsommer (die lässigste, die wir persönlich kennen) ist auch nach 25 Jahren noch lässig. Lockrufe der Enten, quakende Jugend am Zaun sowie Flugzeuge treiben das Publikum dieses eine Mal im Jahr nicht in den Wahnsinn, sondern werden friedlich integriert, zumal die meisten ohnehin ein Picknick mitgebracht haben.

Oder eine Tüte Tortilla Chips. Eine Tüte Tortilla Chips, das ist schon etwas hart, aber im Großen und Ganzen bleiben alle froh und aufmerksam. Aufmerksamkeit gehört dazu, weiter hinten fängt die Musik an zu wehen, aber das ist Teil des Reizes der Sommeropern, diesmal: Gioachino Rossinis „L’equivoco stravagante“, hier mit „Die verkehrte Braut“ übersetzt. In Frankfurt, dieser im Prinzip so schnellen Stadt, wird das Rossini-Jahr (rund um den 150. Todestag am 13. November 2018) ja gewissermaßen nachgezogen – in der kommenden Saison führt die Oper drei Raritäten auf, und auch Rainer Pudenz’ Kammeroper hat originell gewählt. Rossini war 19, als „Die verkehrte Braut“ herauskam, ein erschütternd reifes Frühwerk, das dann wieder weitgehend verschwand, was anscheinend aber eher am schlüpfrigen (andere sagen: beknackten, dritte sagen: raffinierten) Libretto lag.

Was jetzt zu hören ist, ist feinster Rossini, mit bezaubernden Ensembles, straffen Arien, tüchtigen Crescendi. Die beträchtliche Rezitativlast wird dadurch ausgeglichen, dass die meisten Zuschauer noch nicht wissen können, worum es geht. Bei einigermaßen guter Textverständlichkeit und einer sehr fidelen, erfrischend nonchalanten deutschen Fassung von Thomas Peter folgt man da gerne. Dirigent Daniel Stratievsky spielt selbst Cembalo dazu. Das Orchester nimmt den zierlichen Schwung der Musik überzeugend auf und bietet dem Ensemble eine spitzenmäßig weiche, rücksichtsvolle und präzise Grundlage.

Neues Material mit Sicherheit für alle Beteiligten. Die Mezzosopranistin Dzuna Kalnina tut sich nicht leicht mit der Titelrolle, einer wirklich ziemlich tiefen Altpartie, die ihrer Stimme selten die (dann sofort genutzte) Gelegenheit gibt, nach oben aufzublühen. Dafür ist sie eine hinreißende Darstellerin, ein wesentliches Kriterium in diesem Fall. Zwei hier eher baritonale, schlanke und bewegliche Bässe sind außerdem im Spiel, der Texter Peter als bauernschlauer Vater und Timon Führ als gefoppter Verlobter. Eine höhensichere Rossini-Stimme steuert der Tenor Ralf Simon bei, der Glückspilz, der die verkehrte Braut kriegen wird. Nicht auf Wucht, sondern auf Stimmkultur zu setzen, zahlt sich aus: Als es ad hoc in eine Hochgeschwindigkeitsphase geht, halten alle mit. Gut dabei auch der von Armin Rothermel einstudierte, von Claudia Krauspe munter-bieder eingekleidete Chor. Das Bühnenbild von Frank Keller und dem Maler Mateo Vilagrasa bietet die vertraute Verbindung von Verstecken, Durchschlupfen und Kunst.

Ja, die Handlung ist schon beknackt, aber auch lustig. Eine liebelose Ehe – angepeilt um des Geldes und Prestiges willen, also jenes realistische Geschacher, auf dem Hunderte Komödienstoffe fußen – soll diesmal unterlaufen werden, indem dem Gatten in spe eingeredet wird, seine Braut sei ein Kastrat. Da der Künftige ein friedfertiger Kerl zu sein scheint, wirkt die Wahl des Mittels – eingefädelt von einem Freund des Tenors, Ilja Aksionov – etwas unverhältnismäßig und macht auch Ärger. Die junge Frau wird als angeblicher Deserteur festgenommen.

Der tatsächlich gewitzte Kern, im Palmengarten von Pudenz und dem Ensemble trefflich herausgearbeitet: Wie sich dem Verlobten (panisch bis ins Homophobe) bloß auf ein paar windige Worte hin die Welt verkehrt darstellt und wie sich eine selbstbewusste, kluge und gebildete Frau für die inszenierte Verwechslung eignet. Man sieht nur, was man weiß und denkt. Und man wird vielleicht selbst verlegen angesichts eigener stereotyper Vorstellungen.

Kurios, dass am Premierenabend dann fünf der insgesamt bisher 30 Regentropfen dieses Sommers fielen. Es wurde aber bloß kurz unterbrochen.

Kammeroper Frankfurtin der Orchestermuschel im Palmengarten: 24., 26., 27., 31. Juli, 2., 3., 7., 9., 10., 14., 16., 17. August. www.kammeroper-frankfurt.de

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